600 Jahre Herzberger Schützengilde (1407-2007)

                                                                                                                                 zurück


 

zum Programm

 

Von Bogenschützen und Wildsauen (1)

 

Zu allen Zeiten gab es Bürger, die sich darum bemühten, das Gründungsjahr der Herzberger Schützengilde, der ersten wehrhaften Bürgerorganisation in der Stadtgeschichte des frühen Mittelalters, durch Dokumente und Urkunden genau festzulegen. Es ist lange nicht gelungen, so dass sich endlich unsere Vorfahren beim 300-jährigen (?) Jubiläum der Herzberger Schützengilde (vom 17.-19. Juli 1857) nach gründlicher Diskussion endgültig auf das Jahr 1407 als Gründungsjahr festlegten. Damit kann im nächsten Jahr 2007 das 600. Gründungsjubiläum der Schützengilde gefeiert werden. Mit der Eroberung und Besiedlung der ursprünglich slawischen Gebiete östlich der Elbe und der Schwarzen Elster erfolgte die Anlage fester Orte und die Wiedernutzung slawischer Orte durch die neuen deutschen und niederländischen Siedler. An Flüssen und wichtigen Wegekreuzungen entstanden größere Orte, wie z.B. Herzberg, die durch erste wehrhafte Anlagen, zunächst nur von Wällen und Gräben, gegen feindliche Eroberungen geschützt wurden. Erste Nachrichten besagen, dass schon vor 1298 Herzberg von solch einfachen Verteidigungsanlagen umgeben war, die dann nach und nach durch feste Mauern mit Tortürmen und Mauertürmen, durch 3 Tore und Zugbrücken, mit zusätzlichen Wassergräben und einem Pulverturm zur sicheren Wasserfestung wurde. Die ersten Bewohner unserer Stadt (nach 1184) waren in Handwerkerinnungen organisiert, aus denen waffenfähige Mannschaften für die Verteidigung und für die Heerfolge rekrutiert wurden. Der Kern dieser wehrhaften Bürgergemeinschaft, die mit Lanzen, Piken, Hellebarden, Schwertern, Sensen, Dolchen, Äxten, Morgensternen usw. ausgerüstet wurden, waren die Bogen- und Armbrustschützen. Während in den Innungen die Altmeister das Sagen hatten, führten die Viertelmeister und Achtelmannen bei den Bogenschützen und Armbrustschützen als Offiziere das Kommando. Den Oberbefehl über alle waffenfähigen Männer der Stadt hatte der Stadtvater, der Bürgermeister. Der Bogen galt damals als älteste und wichtigste Jagdwaffe. Er war aus Ulmen- oder Eichenholz oder aus Horn hergestellt. Mit dem Bogen wurden Pfeile oder gefiederte Bolzen abgeschossen. Schon unter Kaiser Karl dem Großen (768-814 n. Chr.) bestand die Anordnung, dass jeder freie Bürger den Heerbanndienst mit Bogen, Köcher, Pfeilen oder Bolzen zu absolvieren habe. Übrigens erfreut sich das Bogenschießen bis in die heutige Zeit eines hohen sportlichen Interesses. Seit 1972 ist das Bogenschießen sogar olympische Disziplin. Die heutigen Bogenschützen sind in den Schützenverbänden der Gegenwart integriert. Die Armbrust (arcuballista=Bogenschleuder) bürgerte sich nach dem 1. Kreuzzug (1096-1099) ein. Im 13. Jahrhundert gebrauchten die Armbrustschützen in den Städten bereits Bügel aus Stahl, die mit dem Fuß gespannt und später mit einer Handwinde oder einem speziellen Spanner schussbereit gemacht wurden. Als Geschoß verwendete man Bolzen, aber auch Kugeln.

 Armbrustschütze, 16. Jahrhundert

 

Im 14. Jahrhundert häuften sich allerorten räuberische Überfälle durch Einzeltäter und Banden und durch machtbesessene Ritter, die durch Raub, Plünderung, Wegnahme von Ländereien, Missachtung von Wege- und Fischereirechten usw. wehrlose Untertanen schädigten. In seiner Regierungszeit (1298-1356) hatte der sächsiche Kurfürst Rudolf I alle Hände voll zu tun, um diese Räuber zu bekämpfen. Dazu schloss er ein Schutz- und Trutzbündnis mit den Städten Herzberg, Wittenberg, Jessen, Schweinitz, Haken, Prettin, Kemberg und Niemegk und ordnete an, dass ein „geordneter Wehrstand“ alle Bürger seines Landes erfasste. Zu diesem Zweck mussten die Bürger ihre Heergeräte (Schwert, Hellebarde, Harnisch, Spieß, Armbrust usw.) ständig bereit halten. Der älteste Sohn der Familie oder nahe Anverwandte erbten diese Heergeräte. In den „Heergerätestatuten der Stadt Herzberg“ wurden dazu alle notwendigen Festlegungen getroffen.

 

 

                                                                                            Fortsetzung folgt!        H. Knuppe

 

 

 

 

Von Bogenschützen und Wildsauen (2)

 

Aus all den wehrhaften Bürgerorganisationen, die ausschließlich der Verteidigung dienten, bildeten sich schließlich die ersten Schützengilden bzw. Schützengesellschaften. Schon im 13. und 14. Jahrhundert entstanden aus den Bogen- und Armbrustschützengesellschaften nach dem Muster der Handwerkerzünfte Schützengilden mit eigener Lade und Vorsteher, mit besonderen Statuten und mit kirchlicher Weihe. Als um 1300 der Franziskaner Mönch Berthold Schwarz in Freiburg im Breisgau das Schießpulver entdeckte, erfuhren die städtischen Verteidigungsgesellschaften eine qualitative Veränderung. Das Schießpulver oder Schwarzpulver (schon vorher in China bekannt) war ein Gemisch aus Holzkohle, Schwefel und Kalisalpeter. Es rief die Geburt einer neuen Waffe hervor und so bildeten sich Büchsengesellschaften, was wiederum eine allmähliche Umrüstung der Bogenschützen- und Armbrustschützengesellschaften bewirkte.

     

Die ersten Büchsen für die städtische Herzberger Bürgerwehr wurden im nahen Jüterbog gegossen. Pulver erzeugte eine eigene städtische Salpetersiederei. Die Pulvervorräte und Geschosse lagerte man im städtischen Pulverturm (an der Einmündung zur Mauergasse in der Rosa-Luxemburg-Straße). Die Bogen- und Armbrustschützen erhielten um 1364 die ersten Hakenbüchsen (Vorderlader bzw. Arkebusen), die allerdings sehr schwer (bis zu 100 Pfund!) zu handhaben waren. Sie bestanden aus einer Kammer, dem Rohr mit Zündloch und Bügel und einem Stock als Schaft. Die ersten Gewehre waren Luntenschlossgewehre (1378). 1460 erhielten sie ein Schwammschloss und 1517 ein Radschloss. Ihnen folgte die schwere Muskete (17./18. Jhrhdt.) und um 1700 die leichtere Flinte.

 

Büchsenschütze, 17. Jahrhundert

 


Alte Schusswaffen

Die Büchsengesellschaft in Herzberg könnte um 1454 entstanden sein, da in diesem Jahr die Büchsenschützen in der Stadtkirche einen eigenen Altar gegründet haben. Alle 3 Schützengesellschaften waren für 3 Altäre in der Kirche zuständig. Es waren die Altäre „Sebastian und Fabian“, „Sagitturiorum“ und „Stiftung der Vicarien (1466)“.

Eine Nachricht im Herzberger Ratsarchiv besagt, dass im Mai 1454 der Bischof Caspar in Meißen einer Altarstiftung der Genossenschaft der Bogenschützen in Herzberg zu Ehren der Heiligen Fabianus, Sebastianus, Cosmas und Daminanus zustimmte. In den „Geleitsprivilegien der Stadt Herzberg“ (1423 verfasst) ist bereits erwähnt, dass schon früher zur volkstümlichen Erholung der Bürgerschaft an Sommertagen die Handwerkerzünfte und die Schützengesellschaften Armbrustschießen, Vogel- und Scheibenschießen unter Aufsicht der Herzberger Ratsmänner veranstalten sollten. An dieser Stelle sei an die Festrede des Herzberger Chronisten, Dr. Karl Pallas, anlässlich der 500-Jahrfeier der Herzberger Schützengilde im Jahre 1907 erinnert, bei der er wieder auf das umstrittene Gründungsjahr 1407 einging. Er wies darauf hin, dass schon viele Nachbarorte Herzbergs ihre 500-Jahrfeiern abgehalten hätten, so dass das im frühen Mittelalter wichtige Herzberg durchaus die Berechtigung habe, ebenfalls dieses Jubiläum zu begehen. Über das 1. große Schützenfest des Mittelalters in Herzberg im Jahre 1524 gibt es einen ausführlichen Bericht, da sich immerhin 393 (!) Schützen aus den Kurfürstentümern Sachsen und Brandenburg zum Wettkampf stellten. Mit diesen Schützen reisten Begleiter und Familienangehörige nach Herzberg, so dass der Rat der Stadt ernste Versorgungsprobleme hatte. Er bat daher den sächsischen Kurfürsten um „ein Wildbret für das Volk“. Diese Bitte blieb leider unbeantwortet und so wandte sich der Rat an den kurfürstlichen Jägermeister Albrecht v. Lindenau, ob er die Anweisung hätte dem Herzberger Rat ein Stück Wildbret zu überlassen. Da 1 Woche vor dem Fest noch keine Antwort vom Kurfürsten und vom Jägermeister vorlag, jagte man selbst das benötigte Wild. Im eigenen Gehölz gingen 2 Wildschweinsauen in die Netze, die man unter Jubel sofort nach Herzberg brachte. Gleichzeitig aber traf das kurfürstliche Gnadengeschenk ein, so war die Versorgung doppelt gesichert. Einige Herzberger aber meldeten dem Jägermeister v. Lindenau die Saujagd, der sofort den Kurfürsten verständigte, der wiederum den Rat um sofortige Rückgabe der Sauen aufforderte. Die Herzberger aber pochten auf das Jagdrecht in eigenen Gehölzen und antworteten nicht. So verlangte der Kurfürst die Übersendung einer Abschrift der Jagdrechte, die vom Rat mit einer Abschrift über allgemeine Rechte (nicht Jagdrechte!) aus dem Jahre 1499 beantwortet wurden. Dies ließ der Kurfürst nicht gelten und so wiesen die Herzberger Räte noch einmal auf die hohen Kosten des Festes hin, um damit den Kurfürsten umzustimmen. Der Kurfürst aber blieb hart, der Schriftverkehr setzte sich fort und inzwischen war das Jahr vergangen. Die beiden Sauen, inzwischen in den Schützenmägen längst verdaut, konnten nicht wieder zum Leben erweckt werden und so wuchs langsam Gras über die leidige Geschichte.

                                                                                             Fortsetzung folgt!       H. Knuppe

 

 

 

 

Von spanischen Eroberern bis zur Todesstrafe(3)

 

Das große Schützenfest von 1524, bei dem der Herzberger Rat mit Ausdauer und List die Rückgabe der beiden Wildsauen an den Kurfürsten und seinen Jägermeister vereitelt hatte, machte die Stadt Herzberg in ganz Kursachsen bekannt. Einige der 393 Schützen waren schon beim Versuchsschießen ausgeschieden, denn der jeweilige Hauptschuss aus der Handbüchse musste mindestens 6 Ringe ergeben.

Die 3 besten Schützen des Wettbewerbs kamen aus Schweinitz, Herzberg und Torgau. 27 Hauptgewinne, darunter wieder eine Wildsau (!), erfreuten die erfolgreichsten Schützen. Beim Ritterschießen gab es 10 Gewinne in Form von Guldengeld, auf dem der Kurfürst abgebildet war.

                                               
Schussanweiser beim Schießen (17. Jahrhundert).           Schützenschreiber (17. Jahrhundert).

 

Heerfolge und Schützengesellschaften schlossen sich in der 2. Hälfte des 16. Jahrhunderts allmählich zusammen und bildeten ein wehrhaftes Bürgeraufgebot. 1474 umfasste die Heerfolge für den Kurfürsten noch 50 Fußknechte, 6 Heerfahrtswagen, 3 Reisige zu Pferd und 1 Steinbüchse. Ende des 15. Jahrhunderts gehörte zur Heerfolge auch eine eigene kleine Artillerie.

Das Jahr 1547 erforderte die ganze Verteidigungsbereitschaft der Herzberger Schützengesellschaften im Bürgeraufgebot. Das übermächtige katholische Heer unter dem Kaiser Karl V, dem böhmischen König Ferdinand und dem spanischen Heerführer Herzog Alba v. Toledo besiegte das zahlenmäßig unterlegene schwache protestantische Heer des sächsischen Kurfürsten in der Schlacht bei Mühlberg, Lönnewitz, Kiebitz und im Schweinert. Herzog Alba belagerte nun die Wasserfestung Herzberg, die sich weigerte ihre Tore zu öffnen. „Ich werde das Nest an allen 3 Ecken anzünden, wenn die Bürger der Stadt nicht die Tore öffnen“, so soll sich der sieggewohnte Spanier geäußert haben. Die Herzberger Bürger antworteten ihm: „Wir sind Herzberger Bürger und bleiben dem Kurfürsten Johann Friedrich getreu“. Alba musste ohne Erfolg in Richtung Wittenberg abziehen, wo man dem in der Schlacht im Schweinert gefangen genommenen Kurfürsten den Prozess machen wollte. Die Standhaftigkeit und Treue der Herzberger Bürger, unter ihnen die Schützengesellschaften, belohnte der langjährige gefangen gehaltene Kurfürst am 1. September 1552.“Für alle und ewige Zeiten“ verlieh er der Stadt Herzberg den Ehrennamen „Churstadt“. Die beiden Schützengesellschaften „Armbrust- und Büchsenschützen“ schlossen sich 1550 zusammen und existierten noch bis 1628. Aus dieser Zeit sind uns die Namen der Vorsteher der Armbrustschützengesellschaften bekannt. 1536 war es Hans von Puene, während der letzte Vorsteher (1628) Valtin Rietz hieß und die Geschicke der Gilde leitete. Wertvolle Utensilien der Armbrustschützengesellschaft bewahrte man im eisernen Ratskasten auf, so ein silberner Vogel mit Kette, an der 29 Schildchen mit den Namen der damaligen Schützenkönige und den Jahreszahlen hingen. Das älteste Schildchen trug die Jahreszahl 1536, das letzte Schildchen die Jahreszahl 1628. Dieses wertvolle Utensil (Gewicht: 20 Loth) musste der Rat der Stadt Herzberg verkaufen, um drückende Schulden zu bezahlen.

 

                                                                                             Wird fortgesetzt!        H. Knuppe

 

 

 

 

Von spanischen Eroberern bis zur Todesstrafe(4)

 

Das erste Schützenhaus wird in alten Nachrichten des Jahres 1592 erwähnt.

Für dieses „Schützenhäuslein“ bewilligte die kursächsische Regierung dem Herzberger Rat 20 Eichenstämme zu einem günstigen Preis (nur halbe Bezahlung). Doch schon 1746 musste das 1. Schützenhaus durch einen Neubau ersetzt werden. Das 3. Schützenhaus entstand 1785. Das notwendige Bauholz für diese beiden nachfolgenden Schützenhäuser kam aus dem Staatsforst. Bei der Einweihung des 3. Schützenhauses am 23. Mai 1786 soll der Schützenmajor Sandmann eine besonders Aufsehen erregende Einweihungsrede religiösen Inhalts gehalten haben. Christian Ehrenfried Sandmann war Kämmerer (1768-1792), Senator (1796-1800) und außerdem noch Ratskellerpächter. Er bewohnte das Haus des bekannten Schmiedemeisters Gottfried Winkelmann in der „Torgauer Vorstadt Nr. 364“ (heute Nr. 55).

Ende des 16. Jahrhunderts waren in Herzberg alle männlichen Bürger bewaffnet. Für arme Bürger lieferte die städtische Waffenkammer die Waffen. Starb ein Bürger ohne männliche Erben ging seine Bewaffnung an die städtische Waffenkammer, die vom Büchsenmacher Christian Gottlieb Dölling verwaltet wurde.

Aus dem Jahre 1609 ist uns das Statut der Büchsengesellschaft bekannt. Es umfasste 31 Paragraphen, die genau festlegten, wie sich ein Schütze zu verhalten hatte. Er sollte über einen religiösen Sinn verfügen, eine ehrbare Lebensart pflegen, beim Biertrinken nicht fluchen und eine eigene Büchse besitzen. Fluchen beim Biertrinken kostete dem Übeltäter 5 Groschen Strafe. Das Spotten, Hexen und Verwirren auf dem Schießstand war billiger, es kostete nur

6 Pfennige. Fehlte ein Schütze beim Ein- und Ausmarsch wurde das mit 3 Groschen in Rechnung gestellt. Das Bierabzapfen im Keller während des Schießens ohne Erlaubnis des Schützenmeisters schlug mit 3 Groschen Strafe zu Buche.

Das Statut von 1609 galt zunächst bis 1699, dann wurde es erneuert und diente der Schützengesellschaft bis 1832.

Die Verbindungen der mittelalterlichen Stadt Herzberg zur Residenz des sächsischen Kurfürsten Johann Georg II (1613-1680) führten am 25. Juli 1662 zu einer Einladung der Herzberger Schützengesellen und Schützenmeister der Armbrust- und Büchsenschützen nach Dresden, wo am 22. Oktober 1662 ein Schießwettbewerb stattfand. Die Sieger erhielten 100, 80 oder 50 Reichstaler.

Nicht immer konnten sich die Bürger in ihren Schützengesellschaften nur bei fairen Wettkämpfen oder bei der notwendigen Verteidigung ihrer Heimat bewähren. Sie wurden auch zur Präsentation der städtischen Macht herangezogen. So musste die Schützengesellschaft am 22. August 1690 gemeinsam mit dem Rat und den Stadtbewohnern in voller Bewaffnung, mit klingendem Spiel und unter wehenden Fahnen zur Hinrichtung des Bürgers August Martin Sandro aus Altherzberg ausrücken, der auf einem Gerüst mit 4 Säulen die Todesstrafe erhielt, für einen einfachen Diebstahl von 10 Talern (!).

 


Eröffnung des Dresdener Schießwettbewerbs (1662) durch Jagdhornbläser.

 

Repro.: Schützenarchiv Herzberg

 

 

                                                                                             Wird fortgesetzt!        H. Knuppe

 

 

 

 

Ein Meisterschuss rettete die Elsterstadt (5)

 

Schon einmal, 1547, hatten die Herzberger Bürger und ihre Schützengesellschaft Mut und Treue bewiesen, als sie die Einnahme und sicher auch die Plünderung der Stadt durch die katholischen Truppen des Herzogs Alba v.Toledo mit Standhaftigkeit beantworteten und so die sicheren Gräuel einer fremden Besatzung und de Krieges vermieden. Im Dreißigjährigen Krieg aber, er hatte 1618 mit einem Aufstand der protestantischen Böhmen, ausgelöst durch den Fenstersturz der kaiserlichen katholischen Statthalter Slawata und Martnitz aus dem Prager Schloß, begonnen, kam es 1631 zu einer erneuten direkten Bedrohung unserer Heimatstadt. Nachdem die katholischen Feldherren Tilly und Pappenheim mit ihren Truppen Magdeburg am 20. Mai 1631 erobert hatten, wandte sich Tilly dem Kurfürstentum Sachsen zu, um zu verhindern, dass der Kurfürst Johann Georg ein Bündnis mit dem Schwedenkönig Gustav Adolf einging. Dem Schwedenkönig gelang es, sein Heer mit den kursächsischen Truppen des Generals v. Arnim bei Düben zu vereinen, doch inzwischen bedrohte der kaiserliche Feldherr Wallenstein von Schlesien kommend, durch die Niederlausitz und Luckau vorstoßend, auch unser Elb-Elster-Gebiet. Der Oberst Hans v. Götze sollte durch einen Handstreich die Wasserfestung Herzberg einnehmen. Er hatte aber die Rechnung ohne die verteidigungsbereiten Herzberger, an der Spitze die Schützengesellschaft, gemacht. Herzberg war damals eine wehrhafte Stadt. Sie besaß doppelte Wälle und doppelte Stadtgräben, eine feste Mauer, 3 Tore (2 davon mit Zugbrücken), 2 dicke hohe Tortürme, die gleichzeitig Bollwerke mit unterirdischen Gefängnissen waren und einen Pulverturm. Nördlich vom Schliebener Torturm (im Osten) stand in der Mauer ein weiterer Mauerturm, der mit einem bedachten Gang Verbindung zum Torturm hatte. Die Brücke am Schliebener Torturm bestand aus 2 Teilen, dazwischen befand sich ein Gebäude. Die Stadtmauer im Süden besaß alle 30 Schritte drei viereckige Mauertürme, die etwa 2-6 m den Mauerrand überragten. Die Berichte über den Angriff auf Herzberg im Jahre 1631 sind oft widersprüchlich. Da wird der Oberst Hans v. Götze zum „Königlich schwedischen Obristen“ und das Datum des Angriffs wechselt mehrfach. Einmal spricht man vom Frühling des Jahres 1631, dann wieder vom 4. September 1631 und schließlich vom „Montag nach dem Michaelistag“. Der Michaelistag ist der 29.9., der Montag davor der 23. September. Der erste Bericht über den Angriff ist 1679 im vergoldeten Turmkopf der Herzberger Stadtkirche niedergelegt worden. Dieser Bericht und die Darstellung der Ereignisse in der Schulze-Chronik (1842) weichen voneinander ab.

 



Die Wasserfestung Herzberg im Jahre 1642 (Kupferstich von Merian).

Ergänzungen: Knuppe (1642)

Herzberg hatte 1631 nur einen geringen militärischen Truppenschutz. Eine Kompanie „Colditzer Defensioner“ aus dem kursächsischen Heer und unter dem Befehl des adeligen Hauptmanns v. Miltitz hielt die Mauern, Türme, Tore und Brücken besetzt. Verstärkt durch Kompanien der Herzberger Schützengesellschaft und anderer wehrhafter Bürger der Stadt trotzte man den krieggewohnten Truppen des Obersten v. Götze. Eine Kompanie unter dem Befehl des Schützen-Leutnants Andreas Bolde (Boldeus) hatte einen Wall nordöstlich der Schliebener Vorstadt auf der Steinwegswiese (zwischen Elster und „Schliebener Straße“) besetzt, denn hier war der allergische Punkt der Stadtverteidigung. Neben der hölzernen Elsterbrücke, die man vorsorglich abgetragen hatte, lagen links und rechts seichte Flussstellen, die oft als Furt für Reiter und Wagen genutzt wurden. Diese Stellen hatte der Oberst v. Götze zum Angriff ausgewählt. Es begann mit einer Kanonade schwerer und leichter Geschütze (Kardaunen und Feldschlangen), dann stürzte sich die Reiterei, an der Spitze der prächtig gekleidete Oberst, in den seichten Fluss, gefolgt vom Fußvolk.

 

Reiter und Fußsoldaten um 1631.

 

 

Quelle: Geschichte für Mittelschulen, 1928, (Kahnmeyer u. Schulze).

Repro.: Knuppe (2002)

 

                                                                                             Wird fortgesetzt!        H. Knuppe

 

 

 

 

Ein Meisterschuss rettete die Elsterstadt (6)

 

Der Schützenleutnant Andreas Bolde und seine Büchsenschützen hatten die drohende Gefahr erkannt. Bolde visierte kurz mit seinem Pulverschieß-Rohr (aufgesetzt auf eine Stützgabel) den an der Spitze der Reiterei befindlichen Obersten v. Götze an und löste den Schuss aus, der ein sehr glücklicher Schuss war, denn er traf den Obersten v. Götze so schwer, dass er aus dem Sattel sank und nur mühsam von seinen Begleitern ans rettende Ufer gebracht werden konnte.

 

Andreas Bolde bei seinem Meisterschuss.

Die Pulverschieß-Rohre waren noch keine Flinten und konnten damals nur umständlich, mit einer Lunte oder einem brennenden Schwamm, zum Schießen gebracht werden. Der Meisterschuss ließ den gesamten Angriff stocken, die feindlichen Truppen zogen sich zurück und ließen ihre Wut an Dorf, Kirche und Mühle von Altherzberg aus. Es wurde geplündert und gebrandschatzt. Ein ähnliches Schicksal erlitten die Dörfer Kaxdorf, Wiederau und Neunaundorf. Der schwerverwundete Oberst v. Götze starb im brennenden Kolochau. Man brachte ihn beim Rückzug bis Calau, wo er auf dem Friedhof bestattet wurde und einen Leichenstein mit Inschrift erhielt. Schon bei ihrem Anmarsch hatten die Truppen des Obersten Götze auf der alten Ost-West-Heerstraße eine lange Spur der Verwüstung hinterlassen. Plünderungen in den Dörfern Langengrassau, Wüstermarke, Proßmarke, Kolochau, Hohenbucko, Naundorf, Werchluga, Polzen und Friedrichsluga waren an der Tagesordnung.

 

Repro.: H. Knuppe (2002)

 

Schlieben stand in Flammen und es kehrte erst Ruhe ein, als der kursächsische General v. Arnim in Eilmärschen mit seinen Truppen nahte und die gesamte Elbe-Elster-Region um Herzberg von marodierenden feindlichen Soldaten säuberte. Die Bürger unserer Stadt und der Rat waren überglücklich, dass die Rettung Herzbergs gelungen war. Man zeichnete den umsichtigen und besonnenen Hauptmann von Miltitz mit einem silbernen stark vergoldeten Becher (24 Loth schwer und 24 Gulden wert) aus.

Über Andreas Bolde, den Meisterschützen, schweigen die Chronisten, erst später erfahren wir, dass es zwischen ihm, dem Rat der Stadt und der Kirche Differenzen gegeben hatte. 3 Jahre später wollte Bolde in der Stadtkirche eine Fahne und eine Gedächtnistafel für seinen in Schlesien gefallenen älteren Bruder Georg Bolde, er war Hauptmann gewesen, anbringen lassen. Die verwitwete Kurfürstin Hedwig v. Sachsen (1581-1641), eine sonst bemerkenswerte und fortschrittliche Frau, lehnte die Bitte des Schützenleutnants Bolde ab, nachdem sie vom Herzberger Rat und vom Superintendenten Georg Thaut negativ über Bolde unterrichtet worden war. Rat und Kirche gönnten dem einfachen bürgerlichen Offizier die Ehre der Würdigung nicht, außerdem hatte sich Bolde geweigert, dafür eine stattliche Summe Geldes in die Kirchenkasse zu legen.

 

 

Gemälde der Kurfürstin
Hedwig v. Sachsen.

Inschrift:
„VGG Hedwig Geborene aus Königlichen Stam Dennemarck

Kurfürstin und Herzogin zu Sachsen Jülich Cleve und Bergk Witwe.“ -1641-

Foto: T. Bardehle (nach dem Gemälde im Schloss Lichtenburg, Prettin)

Aus dem Jahre 1645 gibt es eine Nachricht, dass zu dieser Zeit Andreas Bolde, der Meisterschütze, mit seiner Familie im 1. Stadtviertel (West- und Nordteil der Stadt mit Markt- und Klosterbereich) wohnte und lebte. Straße und Haus sind uns heute noch nicht bekannt.

Die Nachwelt brauchte Jahrhunderte um den Meisterschützen Bolde zu ehren. Erst am

9. Mai 1934, zur 750-Jahrfeier der Stadt Herzberg, errichtete die Stadt vor der Elsterbrücke (rechts, hinter dem Haus Gleinig, „Schliebener Straße Nr. 48a“) ein Bolde-Denkmal aus mächtigen eiszeitlichen Findlingen. Bei der Einweihungsfeier würdigten die Bevölkerung, die Herzberger Schützengilde, befreundete Schützengilden aus dem Elbe-Elster-Gebiet, die „Herzberger Landsmannschaft zu Berlin“ und als Gast die Potsdamer „Langen Kerls“, den Meisterschützen Andreas Bolde, der unsere Stadt vor den Schrecken des Krieges bewahrt hatte.

 

 

 


Lageplan der Steinwegswiese um 1651 (mit dem Standort des Bolde-Denkmals von 1934).

Quelle: Ostteil der Stadt Herzberg um 1820 (Verfasser unbekannt, ergänzt durch H. Knuppe, 2001).

 

                                                                                             Wird fortgesetzt!        H. Knuppe

 

 

 

 

Zwischen Fürstenhonneurs und Doppeljubiläen (7)

 

Mitglied der Herzberger Schützengilde zu sein bedeutete für jeden Bürger eine besondere Ehre. Alteingesessene Familien, wie z.B. die Familie Kriebisch, legten Wert auf eine über mehrere Generationen nachzuweisende Mitgliedschaft in der Schützengilde. So berichtete der Bürger Johann Paul Kriebisch (geb. 1680) mit Stolz, dass schon sein Vater in einer Urkunde der Schützengilde aus dem Jahre 1609 als Schütze genannt wurde.

War ein Böttcher Schützenmitglied, so erhielt er alljährlich (von 1590-1928) für seinen Einsatz in der Gilde ein Geschenk. Die Handwerkerinnungen wetteiferten damit, recht viele Handwerker ihrer Innung Mitglieder der Schützengilden werden zu lassen.

Bei Durchfahrten oder Übernachtungen sächsischer, preußischer oder russischer Fürsten und ihrer Familienangehörigen war es Brauch, die Schützengilde paradieren zu lassen und Ehrenwachen aufzustellen. Als Kurfürst Friedrich August I v. Sachen (1670-1733) im Jahre 1709 über Herzberg nach Torgau reiste, wurde er vom gesamten Bürgeraufgebot, an ihrer Spitze die Viertelsmeister und Achtmannen, mit klingendem Spiel und vollständiger Bewaffnung (Ober- und Untergewehr) empfangen. Dabei fiel ihm die alte zerrissene Fahne auf. Der Kurfürst, August der Starke genannt und 1697 zum König von Polen gekrönt, stiftete deshalb den Herzbergern eine neue Bürgerfahne. Einige Zeit später übernahm die Schützengilde die „Honneurs“ (die Gästebegrüßungen) für die Vertreter der Fürstenfamilien.

 


Begrüßung eines hohen Gastes (18. Jahrhundert).

Repro.: Archiv Knuppe

 

 

Das bereits erwähnte Schützenhaus, es trug die Hausnummer 424, lag am Wall der Nordpromenade. Es war um 1729 ein Holz- und Fachwerkbau, der 1746 und 1785 neu aufgebaut wurde. Letzterer hielt bis 1828.

Die sächsischen Kurfürsten würdigten die Dienste der Schützengilde bis zum 18. Jahrhundert, indem sie der Gilde sogenannte Vorteilsgelder gewährten. Kurfürst Friedrich August II (1696-1763) verhielt sich noch großzügiger. Er stiftete seit 1740 jährlich ein Freibier (20 Fass!) vom Herzberger Gebräu, das bis 1900 vom „Königlichen Rentamt“ in Dresden für die Herzberger Schützen bezahlt wurde.

Das Leben in der Schützengilde bestand um 1740 nicht nur aus repräsentativen und geselligen Ereignissen, es war auch Bestandteil militärischer Übungen. Beim zweitätigen Abschießen (sogenanntes Königsschießen) hatten die Schützen am Donnerstag und Freitag der Woche Exerzier- und Felddienstübungen zu leisten. Daran schloss sich ein Ruhetag (Sonnabend) und schließlich am Sonntag das Schießen an.

Um 1744 gehörten 44 Bürger in Herzberg zur Schützengilde. Wurden größere Schützenver-anstaltungen durchgeführt, so organisierte man für die einzelnen Kompanien und die teilnehmenden Schützengilden der Umgebung gemeinsame Quartiere und Standorte in den Gasthäusern der Stadt. Die Sieger der Schießübungen, die Scheiben- und Vogelkönige, mussten der gastgebenden Schützengilde Herzberg ein Andenken stiften. Es waren meistens Münzstücke oder Silberschildchen, die mit dem Namen des Gebers und der Jahreszahl versehen wurden. 1756 legte man auch ein Verzeichnis der Schützenkönige an. Über die Gewehrreparaturen gab ein 1757/58 angelegtes Buch genaue Auskunft. In der Kommissionsstube des Herzberger Rathauses lagerte noch bis 1850 ein gewisser Waffenvorrat. 1837 gab es hier 18 Flinten, 2 Trommeln, 2 kleine Feldstücke, 1 Fahne, 1 Feldbinde und 2 Ringkragen, die der Schützenhauptmann in Verwahrung hatte. Da früher auch das Geld knapp war, beschloss die Schützengilde im Jahre 1815 Geschenke früherer Kurfürsten und Könige zu verkaufen. Die 36 Speziestaler brachten eine erkleckliche Summe ein. Dafür kaufte der Schützenvorstand eine Kette mit goldenem Stern und gelbem Seitenband für die Auszeichnung der Schützenkönige.

 

                                                                                             Wird fortgesetzt!        H. Knuppe

 

 

 

 

Zwischen Fürstenhonneurs und Doppeljubiläen (8)

 

Wie verzwickt die Geschichte mit dem Datum der Gildengründung ist, wird sichtbar, wenn heute Chronisten das kleine bewegliche in zwei Holzkisten aufbewahrte „Schützenarchiv“ studieren. Da fällt einem sofort eine schöne Broschüre mit dem langen Titel „Das 300jährige Jubiläum der Herzberger Schützengilde in Verbindung mit dem 50jährigen Jubiläum eines Schützenmitgliedes am 17./18. und 19. Juli 1857“ auf. Nach dieser Broschüre müsste die Schützengilde im Jahre 1557 gegründet worden sein. Allerdings hatten die Herzberger dann 1907 schon die 500-Jahrfeier begangen (!), so dass im Jahr 2007 endlich (!) die 600-Jahrfeier gefeiert werden kann.

Doch Spaß beiseite und genießen wir einen Blick in die genannte Broschüre mit dem langen Namen, denn sie ist sehr interessant und lesenswert!

Schützenhauptmann und Adjutant um 1830.
Beide waren damals beritten.

Am 18. und 19.4.1799 beehrte uns Herzberger die Gemahlin des russischen Großfürsten Kon-stantin. Sie hatte Sehnsucht nach ihrer fränkischen Heimat, die sie als fränkische Prinzessin verlassen hatte, um in der Fremde ihr Glück zu finden. Natürlich wollte sie auf dieser Reise nach Coburg ihren neuen Reichtum zeigen. Ihr Gefolge und ihre adligen Begleiter reisten mit 17 voll beladenen Wagen durch Herzberg und beim kurzen Aufenthalt musste natürlich die Herzberger Schützengilde wieder die notwendigen „Honneurs“ darbringen.

Dasselbe geschah als am 4.8.1819 der preu-ßische Reformer und Staatskanzler K.A. Hardenberg im damaligen Posthaus „Schliebener Straße Nr. 79“ (heute Häuser Nr. 82a und 82b) übernachtete. Ebensolche Schützenhonneurs erhielt der preußische König Friedrich Wilhelm IV beim Besuch des hier stationierten Landwehrbataillons, bei dem der Landrat Sommer zu Ehren des Königs ein Dineressen im Hause „Schliebener Straße Nr. 79“ gab. Man denke sich nichts Schlechtes, wenn der Landrat Sommer dann auch noch am 22.9.1833 Schützenkönig in Herzberg wurde!

 

Repro.: Schützenarchiv Herzberg

 

 

Als das 3. Bataillon des 32. Landwehrregiments nach einem sechs wöchigem Manöver nach Herzberg zurückkehrte, empfing die Herzberger Schützengilde die „tapferen Krieger“ schon in Borken und begleitete sie nach Hause. Hier erlebten die Soldaten eine Überraschung! Jeder Soldat erhielt ½ Pfund Branntwein und 1 Semmel, die Offiziere und die begleitenden Schützen sogar Wein und Kuchen. Alle Ausgaben (10 Taler) bezahlte der Schützenkönig Landrat Sommer, ein kleiner Zuschuss kam aus der Schützenkasse. Am Abend lud der Landrat alle Beteiligten zu einem großen Ball im Schützenhaus ein.

Das 300jährige Jubiläum der Schützengilde im Jahre 1857 war auch gleichzeitig das 50jährige Jubiläum des Schützenhauptmanns und Senators Schmiedemeister Johann Gottlob Winkelmann. Herzberg präsentierte sich im Festgewand. Bei einem Wettbewerb um die beste Ausschmückung siegte der Posamentierer (Besatzwarenhändler) Eisenhauer in der „Schliebener Straße Nr. 78“. Nach dem Empfang der angereisten befreundeten Schützengilden am 17. Juli begrüßte der Landrat v. Kleist in einer Rede auf dem Marktplatz die Schützengilden aus Torgau, Finsterwalde, Kirchhain, Jüterbog, Dahme und Wittenberg. Das Schießen am 16. Juli machte am 18. Juli noch ein Stechschießen erforderlich. Die besten 3 Schützen kamen aus Finsterwalde, Wittenberg und Jüterbog. Als das Festkomitee für das Doppeljubiläum unter Leitung des Schützenmajors E.R. Hoyer Bilanz zog, hatte man 757 Taler und 7 Silbergroschen ausgegeben.

 

                                                                                             Wird fortgesetzt!        H. Knuppe

 

 

 

 

Zwischen Fürstenhonneurs und Doppeljubiläen (9)

 

1832 gab sich die Herzberger Schützengilde eine neue Ordnung und 1892 neue Statuten. Zur Gilde gehörten 1877   146 Mitglieder, 1886 waren es 158 Bürger und 1901 gehörten 133 Mitglieder zur Schützengesellschaft, die zunächst in 2 Kompanien (Grenadier- und Jägerkompanie) organisiert waren. Eine 3. Kompanie, die Leibkompanie, bestand mehrmals. Sie löste sich dann endgültig im Jahre 1883 auf.

Das Schützenhaus erhielt 1876 einen Anbau. Nach einem Brand kam es zum Neubau, den der Baumeister A. Michaelis ausführte. Der für das alljährliche Schützenfest benötigte Schützenplatz (zwischen Mühlgraben und Mauergasse) entstand aus ehemaligen Privatgartenflächen. Durch Zukäufe konnte der Platz 1856 und 1886 erweitert werden.

Auch in der 1. Hälfte des 19. Jahrhunderts stellte sich die Schützengilde für öffentliche Präsentationen zur Verfügung. So am 7. Juli 1812 als der spätere Superintendent W.G. Weise aus Annaburg durch die Annaburger Heide anreiste und schon in Mahdel vom Stadtrat und der Schützengilde begrüßt und nach Herzberg geleitet wurde. Die Jubelfeier der „Augsburger Konfession“ am 25. Juli 1830 sah

 

neben der Bevölkerung, den Schulklassen auch die Schützengilde mit Musik bei einem Stadtumzug und bei einer Parade auf dem Marktplatz.

In der Mitte des 19. Jahrhunderts schien die Herzberger Schützengilde neben der im Mittelalter üblichen Hauptaufgabe, der Stadtverteidigung und den in folgenden Jahrhunderten ausgeübten traditionellen Empfangs- und Präsentationsaufgaben, plötzlich zum Wahrer der liberalen und demokratischen Bestrebungen und Rechte zu werden.

Der in mehreren Ländern Europas wachsende Unmut über die absolut herrschenden feudalen Fürsten und ihre Regierungen führten in der Schweiz (1847), in Frankreich und Österreich (1848) zu revolutionären Aufständen des Bürgertums. In Preußen trug eine Missernte und die anschließende Teuerung (1846) dazu bei, dass sich liberale und demokratische Bestrebungen gegen die feudale Obrigkeit explosionsartig entluden. Im März 1848 kam es zu Barrikaden- und Straßenkämpfen, bei denen die preußischen Garderegimenter auf Befehl des Königs rücksichtslos gegen die Bürger der Stadt Berlin vorgingen.

Bürgerliche Revolution 1848 in Berlin: Der 16jährige Handwerkerlehrling Ernst Zinna mit gleichgesinnten Bürgern bei der Verteidigung einer Straßenbarrikade gegen preußische Gardesoldaten.

 

Quelle: Theodor Hosemann, zeitgenössische Lithographie 1848

Auch in Herzberg steigerte sich der Unmut. In Volksversammlungen forderten die Bürger demokratische Rechte. Der unbeliebte Bürgermeister Biltz wurde aufgefordert den Schlüssel seiner Amtsstube abzugeben, um das Wegschaffen belastender Akten unmöglich zu machen. Als er sich weigerte, besetzten Mitglieder der Schützengilde seine Wohnung. Um die demokratische Macht der Bürger zu sichern, sollte eine Bürgerwehr gebildet werden, der sich das Schützenkorps anschließen wollte. Nach einiger Zeit aber verlief die hoffnungsvoll begonnene bürgerliche Revolution im Sande, in Berlin wurde sie blutig niedergeschlagen, obwohl hier Abteilungen der Berliner Schützengilde gemeinsam mit den Bürgern auf den Barrikaden und in den Straßen gekämpft hatten. In Herzberg fügte man sich nach einer gewissen Zeit wieder der preußischen Obrigkeit.

 

                                                                                             Wird fortgesetzt!        H. Knuppe

 

 

 

 

Die Schützengilde im 19. Jahrhundert (10)

 

Das kleine Schützenarchiv in den beiden Holzkisten gibt an manchen Stellen auch Auskunft über Ziele und Werte des Schützenwesens. Es wird sichtbar, dass über die Jahrhunderte hinweg diese Ziele und Werte Schwankungen und Veränderungen unterworfen waren. Während im Mittelalter (bis etwa 1517) die ständige Bereitschaft zur Verteidigung ihrer Heimatstadt im Mittelpunkt des Schützenlebens stand, lösten die Befreiungskriege vom napoleonischen Joch (1812-1815) neue nationale und liberale Impulse aus, die auch um 1848 (bürgerliche Revolution) einen zeitweisen Höhepunkt fanden. Nach 1850 und in den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts wandte sich die Schützengilde wieder verstärkt dem Schießsport und der Traditionspflege zu. In dieser Zeit, so ist die allgemeine Einschätzung, war die Schützengesellschaft der aktivste Verein der Bürgergesellschaft. Der Wechsel unserer Elbe-Elster-Heimat von der sächsischen zur preußischen Hoheit (1815) brachte der Herzberger Schützengilde zunächst einen Besitzstau. Die Kooperationsrechte der sächsischen Zeit wurden von der preußischen Regierung nicht anerkannt. Das alte Schützenstatut galt als unmodern, die Gilde konnte in der Übergangszeit keine neuen Grundstücke erwerben und Rechtshandlungen waren ebenfalls nicht möglich. Erst die Vorlage alter Urkunden über Provinzialrechte überzeugte die preußischen Regierungsstellen. Das wurde auch äußerlich sichtbar! Der Schützengilde wurde ein neuer Adler am schwarz-weißen Bande (preußische Farben!) verliehen, die der Schützenmajor von nun an öffentlich am Halse zu tragen hatte. Die sächsische Zeit hatte ihr Ende gefunden!

Am 13. August 1826, abends um 18 Uhr, ereignete sich ein bedauernswerter Unfall. Der erst 26-jährige Tischlermeister Adolf Bärwald, der als Schützenmitglied in der Schützenbude am Anger mit anderen Schützen beim Schießen war, wurde durch einen unvorsichtigen Schuss getötet. Die gleiche Kugel riss einem neunjährigen Knaben, der in der Nähe stand, die Mütze vom Kopf. Dabei fiel der Junge zu Boden. Adolf Bärwald hinterließ eine junge Frau und ein Kind, ein Schicksal, dass von allen Stadtbewohnern sehr bedauert wurde. Der schreckliche Unfall löste eine umfassende Sicherheitsüberprüfung der Schießanlage aus. Die Schützengilde ließ durch den Oberforstmeister Münchhausen ein Gutachten über die „Schießhaussicherheit“ anfertigen. Im gleichen Jahr 1828 endeten die Eigentumsrechte der Gilde am Schützenhaus. Der Schießhauspächter und Musikus Johann Gottfried Große erwarb das Haus, da er ein Vorkaufsrecht besaß. Neben dem Kaufpreis verpflichtete er sich, jährlich bestimmte Zahlungen an die Kämmereikasse und die Staatskasse zu leisten.

In dieser Zeit war das Vogelschießen sehr beliebt. Rückte der Termin heran, musste die Gilde einen Antrag an den Rat stellen, um die Genehmigung zur Errichtung einer Vogelstange zu erhalten. Der Holzadler besaß die Maße 20,5x31,5 cm und ein Mindestgewicht von 2 Loth (etwa 2/30 Pfund). Für die Spanteile des Holzadlers, die sich beim Schießen und Treffen lösten, erhielt der Schütze folgende Punkte: Große Adlerkrone 4 Punkte, kleine Krone 3, Reichsapfel 3, Stern 2, Klaue 3, Hals 3, Flügel 3, Fahne 3, Schwanz 3 und für den Corpus (Körper) 6 Punkte.

Schon am 23.3.1831 verstarb der 1. private Besitzer des Schützenhauses Herr Johann Gottfried Große. Seine Erben waren seine Ehefrau, 1 Sohn und 2 Töchter. Bei der Erbauseinandersetzung wurde das gesamte Grundstück in allen Einzelheiten beschrieben. Damals umfasste es 1 altes Wohnhaus, 1 neues Gebäude mit Tanzsaal, 1 Kegelhäuschen mit Kegelbahn, 1 altes Stallgebäude, 1 Schießhaus mit Schießplatz, Kellerräume, 1 Wallgarten an der Stadtseite und 1 Wallgraben an der Mühlgrabenseite.

 

                                                                                             Wird fortgesetzt!        H. Knuppe

 

 

 

 

Die Schützengilde im 19. Jahrhundert (11)

 

In der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts verfasste der Rektor der Herzberger Schule, Herr Dr. Friedrich Albrecht Schirrmeister am 27.9.1864 eine Schrift über das Leben und den Zustand unserer Stadt, die in der Turmkugel der Stadtkirche St. Marien hinterlegt wurde und die das Pfarramt nach der letzten Kugelabnahme (1989) in dankenswerter Weise als kleine heimatkundliche Broschüre drucken ließ.

 

In dieser Schrift erzählt Herr Dr. Schirrmeister u.a., dass das Offizierskorps der Gilde in der Mitte des 19. Jahrhunderts regelmäßig an Montagen und Dienstagen der Aschermittwochswochen einen sogenannten „Guirlandenball“ (Girlandenball) und in der Pfingstwoche ein „Maienbier“ veranstaltete, um sich so bei den Schützenmitgliedern zu bedanken, die beim Schützenauszug die Wohntüren der Offiziere mit Girlanden (und früher auch mit Maien) geschmückt hatten. Damals hielt die Gilde auch Maskenbälle ab. Der letzte Maskenball fand im Jahre 1859 statt. In der Schirrmeister-Schrift wurde auch hervorgehoben, welche große Rolle damals das Schützenfest in der 2. Augustwoche im Leben unserer Stadt spielte.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Titelblatt der Broschüre der „Evangelischen Kirchgemeinde Herzberg“ zum Text einer Schrift in der Kirchturmkugel.

 

 

Repro.: Knuppe (2007)

 

Im städtischen Großbusch (nördlich der Stadt und der heutigen B 101) hatte man 1864 Schießstände für die Gilde gebaut. Hier in der freien Natur kam es seit 1873 zu einem alljährlichen Freihandschießen, dass sich zu einem wahren Volksfest entwickelte und sogar noch nach dem 2. Weltkrieg zeitweilig Auferstehung (allerdings ohne das Freihandschíeßen) feierte. Damals nach 1873 zog die Bevölkerung am Johannistag (24. Juni) noch zu Fuß oder mit festlich geschmückten und mit Pferden bespannten Wagen und frohem Gesang und Musik in den Großbusch, wo der Schützenhauswirt an Ständen und Buden mit seinen Helfern für die notwendige Bewirtung sorgte. Die Familien brachten ihre Kinder und Verwandten mit und die Lehrer führten ihre Schulklassen zum Großbuschfest, wo auf dem Festplatz Tänze, Spiele und Polonaisen die Teilnehmer erfreuten. Der beste Schütze des Freihandschießens erhielt den Titel „Buschkönig“.

Im preußisch-österreichischen Krieg 1866 war Herzberg und seine Umgebung Aufmarschgebiet der preußischen Armeen, die von hier aus über Sachsen nach Böhmen marschierten und dort in blutige Kämpfe verwickelt wurden. Schon am 1. Juli trafen die ersten Verwundeten in Herzberg ein. Die Stadt erhielt ein „Schweres Feldlazarett“, das schon am 9. Juli 1866 insgesamt 2800 Verwundete und Kranke in Schulen, im Zeughaus, im Seminargebäude (heute Bäckerei Klaus), im Gasthaus „Siegeskranz“, in Privatquartieren und auch im Schützenhaus zu versorgen hatte.

1862 sprach die „Deutsche Schützen- und Wehrzeitung“, das Organ des Deutschen Schützenbundes für Schützen-, Turn- und Wehrangelegenheiten, unverblümt aus, was in dieser Zeit als Ziel der Schützengesellschaften galt. Man forderte: „Die Erhöhung der Wehrkraft des deutschen Volkes ist der oberste Zweck des Schützenbundes“. Damals ahnte man noch nicht, dass der anfängliche Weg der Schützengesellschaften vom gewiss löblichen Ziel der eigenen Stadtverteidigung einmal durch grausame Angriffskriege (1. und 2. Weltkrieg) beeinflusst werden würde. Unsere brave Herzberger Schützengilde aber richtete sich weniger nach den markigen Worten dieser Schützenzeitung. Sie lebte und liebte Festlichkeiten und Traditionen, wobei die Termine oft eine untergeordnete aber verzwickte Rolle spielten.

So kam es 1857 zum 300. Jubiläumstag (?) und 3 Jahre später auch noch zum

700. Geburtstag (?) unserer Stadt. Dann gab es aber 1934 den 750. Geburtstag Herzbergs und 1907 den 500. Jubiläumstag der Schützengilde! Es ging damals viel durcheinander und so sind wir heute dankbar, dass sich dieses Durcheinander inzwischen gelöst hat und wir 2007 den 600. Geburtstag der Schützengilde beruhigt begehen können!

 

                                                                                             Wird fortgesetzt!        H. Knuppe

 

 

 

 

Die Schützengilde im 19. Jahrhundert (12)

 

Das Doppeljubiläum von 1857 (16.-19.Juli) sah an der Spitze der Festlichkeiten Schützenmajor Hoyer und das 50. Schützenjubiläum des Senators Winkelmann. Nach dem Festempfang beim Bürgermeister im Rathaus (16. Juli) führte ein anschließender „Generalmarsch“, an der Spitze 3 Musikkapellen, 16 Fahnenträger und die berittenen Anführer des Zuges, alle Schützengilden durch die Stadt und zur Wohnung des Arztes und Rentners Dr. Rosenthal (ehemaliger Schützenmajor), dem man ein kräftiges „Hurra“ schenkte und danach zur Wohnung des amtierenden Schützenkönigs Eisenhauer, den man ebenfalls würdigte.

Der 50. Schützenjubilar Johann Gottlieb Winkelmann war seit 1807 Schütze der Jägerkompanie gewesen. Von 1811-1830 übte er in der Stadt die Funktion eines Viertelsmeisters aus, war von 1831-1833 Stadtverordneter und von 1836-1845 Senator, nebenbei gehörte er als Kantorei-Adjudant dem Kirchenchor an.

Am „Deutschen Schützenfest 1861“ in Gotha, das nach dem Schweizer Vorbild abgehalten wurde, beteiligte sich auch eine Herzberger Schützenabordnung. In der Schweiz gab es (bis heute!) schon im 14. Jahrhundert die Pflicht der Selbstbewaffnung eines jeden Bürgers.

1880 erhielt die Herzberger Grenadierkompanie eine neue Fahne. Die alte Fahne von 1794 war altersschwach. Die neue Fahne mit doppeltem Seidentuch (eine Seite rosa, eine Seite weiß) trug die goldene Aufschrift „Wilhelm und August“, den Preußenadler und das Sachsen-Weimar-Wappen (mit Myrtenkranz und Inschrift „Den 11. Juli 1879“), die 2. Seite enthielt die goldene Inschrift „Schützengilde zu Herzberg“ (mit Verzierungen).

Das Jahr 1887 brachte der Schützengilde (damals 157 Mitglieder) neue Grundstücksflächen (1 Wallgarten, Größe 8a   40m² und 1 Wiese, Größe 99a   30m²), die zum Teil früher der Kirche gehörten. Bis 1617 besaß die Gilde auch Ackerflächen.

Die ab 28.1.1892 wirksam werdende neue Schützenordnung (Vorgänger waren die Ordnungen von 1609, 1669 und 1832) enthielten in ihren 33 Paragraphen Hinweise zur Aufrechterhaltung der Ordnung bei Feuersbrünsten, Angaben über das Vermögen der Schützengilde, über die Rangordnung der Schützen (Unteroffizier, Feldwebel, Oberjäger, Fähnrich, Wachtmeister, Leutnant, Hauptmann, Major), über Inventarwerte, Eintrittsgelder, Beiträge, Strafgelder und eine Schießordnung (19 Paragraphen). Der damalige Schützenplatz umfasste eine Fläche von 20a, 44m², die Schützenwiese hatte eine Größe von 99a und 30m². Der Wert des Schützeninventars betrug 2330 Mark. Die Ordnung trug die Unterschrift C.G. Langhammer, des Schützenmeisters F. Schierz und des Beisitzers W. Kuhnert.

In einem Verzeichnis der Schützengilde vom 8.9.1892 sind auch die Namen der Schützenmajore angegeben. Es waren dies: Nach 1800 der Advokat und Stadtschreiber Moritz Liebe, 1827 der Arzt Dr. Rosenthal, 1838 Tuchmacher Gottlob Wilke, 1848 Rechtsanwalt Echtermeyer, 1842 Kaufmann Emil Rudolph Hoyer, 1886 Rosshändler Gottfried Schrey, 1867 Kassenrendant Paul Gerhardt, 1884 Kaufmann Moritz Knie, 1890 Kaufmann C.G. Langhammer und 1899 Fabrikant Paul Krüger.

 

                                                                                             Wird fortgesetzt!        H. Knuppe

 

 

 

 

Die Schützengilde im 19. Jahrhundert (13)

 

Der bekannte Stadtsekretär G. Thierack, der u. a. auch Karten unserer Stadt zeichnete, beschrieb im Jahre 1897 im „Schweinitzer Kreisblatt“ die Herzberger Schützengilde, die damals einen aktiven Kern des städtischen Vereinslebens bildete.

2 Jahre später wurde die nahe Hauptstadt Berlin auch zum Anlaufpunkt der Herzberger Schützengilde. Das „10. Deutsche Bundesschießen“ lockte tausende Schützen aus Deutschland und dem Ausland und viele Besucher an die Spree, wo schon Mitte des 14. Jahrhunderts die damals getrennten Orte Berlin und Cölln je eine Schützenbruderschaft besaßen. Wer damals in den beiden Orten einen Hausstand gründen wollte, musste einen Harnisch, einen Eisenhut, ein Schwert und einen Spieß besitzen. Die beiden Schützenbruderschaften in Berlin und Cölln haben bei den Kämpfen im 14. und 15. Jahrhundert bewiesen, was sie im Spiel gelernt hatten. Ihre Hauptwaffe war zeitweise die Armbrust neben den bereits genannten Waffen. Die Raubritter der Mark Brandenburg, die damals das Land plünderten, brandschatzten und knechteten, hassten die Schützenbrüder, die tapfer den Kampf gegen die Raubritter Brüder Quitzow und Erich Falke v. d. Leßnitz mit Erfolg führten.

Die berühmten Bürgermeister Berlins und Cöllns dieser Zeit waren allesamt Schützengildemeister. Sie standen an der Spitze des Kampfes gegen die Raubritter. Nach ihnen sind sogar später einige Stadtteile Berlins und Cöllns benannt worden, z. B. Tempelhof, Blankenfelde, Freyberg u. a.

6000 Schützen aus allen deutschen Landen, ausgewanderte „deutsche Amerikaner“ und eine Abordnung Herzberger Schützen mussten bei diesem Bundesschießen versorgt werden. 2 Oberkellner, 10 Sektionskellner, 522 Kellner, 10 Kassenbeamte, 1 Oberkoch, 42 Köche, 6 „kalte Mamsells“, 4 Schlächter, 8 Kochfrauen, 100 Abwaschfrauen, 20 Kassierer, 4 Buchhalter und 15 Küfer kümmerten sich in einem großen Festzelt um die Versorgung der Schützen.

An Material standen 6500 Servietten, 6000 Shirtings (Hemdentücher), 3000 Kaffeetassen, 56000 Teller, 6000 Suppenteller, 18000 Servierplatten, 8000 Kompottschüsseln, 4000 Saucieren, 3000 Kaffeelöffel, 360 Suppenterrinen, 4000 Rotweingläser, 4000 Weißweingläser, 3600 Champagnergläser und 2000 Wassergläser in der großen Festhalle bereit. 4 riesige Herde, 2 Bratofen mit je 6 kolossalen Bratröhren und 2 große Kesselstände mit je 8 Kesseln (für je 120 Liter Suppe) vervollständigten das notwendige sonstige Inventar. Alle Herde führten ihren Rauch unterirdisch ab.

 

 

Blick auf den Vergnügungspark beim 10. Bundesschießen 1899 in Berlin.

 

 

Repro.: Schützenarchiv Herzberg

 

 

Vor der Festhalle gab es noch 2 Weinzelte für je 150 Personen, in denen 76 verschiedene Weine aus Frankreich und Deutschland angeboten wurden. Sie wurden in altdeutschen Gläsern kredenzt, die mit dem Berliner Wappen und einer Inschrift versehen waren.

Verantwortlich für die gesamte Organisation war der Leiter des Berliner Bierpalastes „Zum Prälaten“, Herr Franz Schmager, der seine Aufgabe mit Bravour löste, wie auch die Herzberger Schützen feststellten.

 

 

 

 

Augenblicksstudien –

„Zivilschützen“ in den Schießbuden des Berliner Vergnügungsparks
(10. Bundesschießen 1899).

 

Repro.: Schützenarchiv Herzberg

 

 

                                                                                             Wird fortgesetzt!        H. Knuppe

 

 

 

 

Das letzte große Schützenjubiläum vor 100 Jahren(14)

 

Nach der Jahrhundertwende, am 7. März 1905, fasste der Schützenvorstand den Beschluss zur 500. Jahrfeier der Herzberger Schützengilde (vom 6.-11.8.1907) der Jäger-kompanie eine neue Fahne zu beschaffen. Die alte Fahne war zerschlissen und der Hauptmann der Jägerkompanie Spediteur Otto Schulze erklärte sich bereit bei der Fahnenfabrik in Koburg (Franken) die Bestellung aufzugeben. Die für das Schützenjubiläum ausgewählten 40 Ehrenjungfrauen begannen sofort für die neue Fahne ein prachtvolles Fahnenband zu sticken. Diese Arbeit war der Beginn der jahrelangen Vorbereitungen für das Jubiläum.

 

Ein großes Fest benötigt viel Platz, deshalb kaufte die Schützengilde den Garten der Familie Bercht für 750 Mark, um den bisherigen Schützenplatz zu erweitern. Das benötigte Geld streckte der damalige Schützenmajor Krüger vor.

 

 

 

 

Schützenmajor Paul Krüger, Fleischermeister, auf seinem ausgeliehenen preußischen Militärpferd.

 

 

Repro.: Schützenarchiv Herzberg

 

Der Leutnant der Jägerkompanie, Steinsetzmeister Voigt, füllte mit seiner Firma den angekauften tiefliegenden Garten am Mühlgraben zum Selbstkostenpreis auf das Niveau des bisherigen Schützenplatzes an. Die Erde holte man von der städtischen Bullenwiese. Auf dem Gelände nördlich des Mühlgrabens stellte die Familie Ehestädt ihr Pachtgrundstück zur Verfügung, um dort zusätzlich Verkaufsstände unterzubringen. Der Mühlgraben erhielt zum Übergang eine Holzbrücke mit Geländer.

 

Das große Ereignis, 500 Jahre Herzberger Schützengilde, nahm am 6. August 1907 abends um 18.30 Uhr mit einer Generalversammlung und einem Zapfenstreich seinen Anfang. Am nächsten Tag, früh um 6 Uhr, erscholl in der Stadt der Weckruf und die Schützengilde sammelte sich auf dem Marktplatz, um von dort zum Schützenhaus zu marschieren. Man nahm an der großen Festtafel im Saal das Mittagessen ein, anschließend begann das Schießen für den Jubelkönig, der um 18.45 Uhr nach Böllerschüssen proklamiert wurde. Es war der Restaurateur Schmidt (Jägerkompanie). Kranzkönig wurde der Tischler Friedrich Sickert (Grenadierkompanie). Danach kam es im großen Weinzelt auf dem Schützenplatz zur Begrüßung der fremden Schützen und vieler ehemaliger Herzberger aus allen Teilen Deutschlands. Nach dieser fröhlichen Runde marschierten alle Teilnehmer durch die festlich illuminierte Stadt. Um 22.15 Uhr eröffnete Bürgermeister Koehne im Schützenhaussaal einen Unterhaltungsabend, den Ehrenjungfrau Frl. Hoyer mit einem Prolog, gedichtet vom Kaufmann Otto Horeck, Mitglied der Herzberger Landsmannschaft in Berlin, einleitete. Der Schützensängerchor umrahmte den Abend, in dessen Mittelpunkt die Rede des Chronisten Archidiakonus Dr. Karl Pallas stand. Ein Theaterstück (Einakter) mit dem Titel „Der Meisterschuss“ schloss den 2. Tag des Jubiläums ab.

 

 

Blick auf den Marktplatz während des Hauptfestes zum 500. Jubiläum der
Herzberger Schützengilde (E = Ehrenjungfrauen, J = Jägerkompanie).

 

 

Repro.: Schützenarchiv Herzberg

 

Der folgende Donnerstag war der Haupttag der Jubiläumswoche. Nach Weckruf und Einholung der auswärtigen Schützengilden gab Schützenmajor Krüger die Tagesparole bekannt. Um 11 Uhr begann das Hauptfest auf dem Marktplatz. Die Haupttribüne stand neben dem Germaniadenkmal. Alle Gildenabordnungen präsentierten sich in prächtigen Uniformen mit ihren Fahnen, wobei die Torgauer Geharnischten besonders bewundert wurden.

 

 

Ausritt der Torgauer Geharnischten in der Torgauer Altstadt

 

 

Quelle: Heimatbuch „Zwischen Harz und Lausitz“, S. 117

 

                                                                                             Wird fortgesetzt!        H. Knuppe

 

 

 

 

Das letzte große Schützenjubiläum vor 100 Jahren (15)

 

Die Ansprache des Bürgermeisters Koehne nannte auch u.a. die damaligen Schützenziele, so die Liebe zur Heimat und dem Vaterland, Kameradschaft, Pflege des Bürgersinns und Ehrhaftigkeit. Nach der Rede sprach die Ehrenjungfrau Frl. Martha Görner ein Festgedicht und der damalige Landrat Freiherr v. Palombini übergab die neue Fahne der Jägerkompanie, die vom Superintendenten Siebert geweiht wurde. 34 befreundete Schützengilden hatten dazu Fahnennägel gestiftet.

 

 

Blick auf das festlich geschmückte Herzberger Rathaus.
Vor dem Germania-Denkmal: Tribüne für die Ehrengäste.

 

 

 

Repro.: Schützenarchiv Herzberg

 

 

 

Blick auf die Parade der Schützengilden.

 

Links:                   G = Grenadierbataillon

Rechts:                 M.K. = Major Krüger (mit Militärpferd, gehalten
                        von einem Feldartilleristen)

 

 

Repro.: Schützenarchiv Herzberg

 

 

Nach 14 Uhr begann der große Festumzug durch die mit Girlanden, Fahnen, Blumen, Fichten, Tannen und Ehrenpforten geschmückte Stadt. Letztere stifteten die Gebrüder Schlieben (Möbelfabrik). An der Spitze des Zuges ritt ein Herold. Es folgten Fanfarenbläser (allesamt Soldaten des Feldartillerie-regiments Nr. 34), das auch schmucke Pferde für den Herzberger Schützenmajor Krüger und seinen Adjutanten zur Verfügung stellte. Die Hauptmusik des Zuges, neben anderen Kapellen, stellte die Herzberger Musikschule.

Der Festumzug endete vor dem Schützen-haus, wo eine mit Speisen und Getränken beladene Festtafel 400 Gäste erwartete. Am Nachmittag gab es ein Preisschießen, an dem sich 200 Schützen beteiligten. Die besten Schützen kamen aus Luckau (Schlosser-meister Krahl) und aus Luckenwalde (Schütze Gerlach). Am nächsten Tag, am Freitag, fand nach dem Wecken ein Frühstück beim neuen Schützenkönig und im Rathaus beim Bürgermeister statt.

Um 12 Uhr lud die Gaststätte „Siegeskranz“ alle Schützen erneut zu einem Festkommers ein. Bei einem weiteren Preisschießen zeichneten sich die Herzberger Schützen F. Hartmann und O. Dölling aus. Der Abend klang im Schützenhaus mit einem Tanzball und einem Feuerwerk aus. Der letzte Tag des Jubiläums, der Sonntag, führte die Schützen nach der Aufstellung vor dem Rathaus in die Stadtkirche St. Marien, wo der Pastor C. Müller einen Gottesdienst hielt. Nach einer letzten Paradeaufstellung auf dem Herzberger Marktplatz verabschiedeten sich dann die auswärtigen Schützengilden von der Herzberger Gilde. Sie lobten die hervorragende Organisation des Jubiläums, das in den Erinnerungen der Teilnehmer noch lange nachwirkte.

 

 

Blick auf den Festzug beim 500. Jubiläum der Herzberger Schützengilde.

 

Repro.: Schützenarchiv Herzberg

 

 

Beide Herzberger Bahnhöfe (Reichsbahnhof und NLE-Bahnhof) hatten in den Tagen des 500. Schützenjubiläums Hochbetrieb. Insgesamt betreuten die Angestellten und Beamten der Bahnhöfe 2800 Personen, die zum Jubiläum an- und abreisten.

 

                                                                                             Wird fortgesetzt!        H. Knuppe

 

 

 

 

Zwischen Ehrensalut und Schützenmarsch (16)

 

Zur zeit des 500. Schützengildenjubiläums 1907 gehörten 154 Mitglieder zur Herzberger Gilde. Zur Jägerkompanie und zur deutschen Kompanie zählten je 32 Bürger, der Grenadierkompanie gehörten 26 und der Veteranenkompanie 64 Mitglieder an. 9 Schützenwitwen bildeten eine besondere Gruppe innerhalb der Gilde.

Am 07.06.1909 übergab Forstmeister Stubenrauch von der Oberförsterei Annaburg der Herzberger Schützengilde erneut ein umfangreiches Gutachten mit Lagezeichnung zur Schießanlage, die sich vom Schützenhaus ostwärts zwischen Stadtwall und Mühlgraben bis kurz vor der Einmündung Mönch-straße erstreckte. Sie war notwendig geworden, da wiederholt bei Schießübungen Querschläger-schüsse die Bewohner der angrenzenden Häuser erschreckt hatten.

 

 

  Erinnerung an das Königsschießen Schützenfest 1909. Vorstandsmitglieder:

  von links:        A. Franke, Oberleutnant             (Grenadierkompanie)

                        F. Miethe                                  (Schützenmeister)

                        C. Pötzsch, Leutnant                  (Jägerkompanie)

                        R. Voigt, Oberleutnant                (Jägerkompanie)
                        F. Roeder, Hauptmann               (Grenadierkompanie)

                        D. Frigge, Hauptmann                (Deutsche Kompanie)

                        P. Krüger, Major                        (Deutsche Kompanie)

 

                        P. Kaiser, Leutnant                    (Deutsche Kompanie)

                        A. Tobia, Leutnant, Schützenkönig (Deutsche Kompanie)

                        R. Voigt, Leutnant                      (Jägerkompanie)

                        R. Schmidt, Adjutant

                        W. Herzberger, Rittmeister         (Jägerkompanie)

 

Foto: Schützenarchiv Herzberg

 

Nach dem 1. Weltkrieg war das Geld knapp und so wundert es nicht, dass in dieser Zeit die Schützengilde die große Schießwiese im Gänsebusch für 100 Goldmark (Laufzeit 6 Jahre) an Herrn Karl Lösche verpachtete. Er bekam die Anweisung, die Schützenwiese regelmäßig zu düngen und durfte dafür das Randholz der Wiese als Brennholz schlagen. Schon 1931 erteilte der Herzberger Magistrat der Schützengilde die Erlaubnis, in nächster Zeit ein „Andreas-Bolde-Denkmal“ zu errichten,

ein Vorhaben, das bei der damaligen wirtschaftlichen Notlage erst 3 Jahre später verwirklicht werden. Konnte. Am 24.11.1931 trat eine neue Schützenordnung mit veränderten Statuten und einer neuen Schießordnung in Kraft. Zu jener Zeit war es üblich, bei Wahlen hoher Politiker Ehrensalut zu schießen. Während der Weimarer Republik (1919-1933) feuerten die 3 kleinen Kanonen der Gilde zweimal bei der Wahl des ehemaligen Generalfeldmarschalls Paul v. Hindenburg zum Reichspräsi-denten (1925-1932) einen Ehrensalut von 21 Schuss, ebenso bei der Erneuerung des Politikers Franz v. Papen zum Reichskanzler, der sich nur kurz des Titels erfreuen konnte, denn er musste am 30.01.1933 dem Nazi Hitler Platz machen, der leider auch einen Salut bekommen musste.

Über das „Tausenjährige Reich“ der Nazis schweigt sich das Schützenarchiv aus. Nur wenige Kurzberichte sind darüber vorhanden. An dieser Stelle aber sei an die Geschichte des Herzberger Musikers Willi Breul (Jahrgang 1891) erinnert, denn sie vermittelt uns ein lebendiges Bild vom Herzberger Schützenleben zwischen 1898 und 1945. Voller Stolz, so erzählt Willi Breul in seinen  Erinnerungen, marschierte er beim Schützenfest 1898 mit seiner Soldatenmütze auf dem Kopf, die ihm sein älterer Bruder geschenkt hatte, zum Schützenplatz, um sich dort von einem Schnell-fotografen „knipsen“ zu lassen. Beim Kaufmann Franz in der „Grünstraße“ (heute „Ludwig-Jahn-Straße“) ließ er das Foto für 50 Pfennig unter Glas einrahmen. Jedes Mal, wenn er im späteren Leben dieses Foto betrachtete, dachte er mit Wehmut an seine Heimatstadt Herzberg und an das fröhliche Schützenfest. Da Willi Breul schon als Kind sehr musikalisch war, (sein Vater war auch Musiker gewesen), lief er bei allen Umzügen der Schützengilde an der Spitze der Kapellen mit und pfiff noch lange nach dem Schützenfest alle gehörten Melodien und Märsche nach. Die Stadtmusikschule trug damals ebenfalls grüne Jägeruniform, dazu einen Zylinder auf dem Kopf und schon bei den ersten Beckenschlägen rutschte ihm der Zylinder, so beobachtete der Kleine Willi, auf die Nase, so dass er kaum etwas sehen konnte.

 

 

  Schützenparade (Deutsche Kompanie) im Jahre 1927 auf dem Marktplatz.

 

 

Foto: Schützenarchiv Herzberg

 

                                                                                             Wird fortgesetzt!        H. Knuppe

 

 

 

Zwischen Ehrensalut und Schützenmarsch (17)

 

Schnell sprang Willi in die Kapellenreihe und trug den Zylinder des Beckenschlägers bis zum Ende des Umzuges. Vorher hatte er eine Zeitung besorgt, sie mehrfach gefaltet, in den großen Zylinder eingelegt und beim 5. Marsch war die Sache wieder in Ordnung. Obwohl der große Zylinder dem Beckenschläger auf beide Ohren saß, konnte er jetzt wenigstens etwas sehen, die Augen waren frei! Seine Liebe zur Musik führten den jungen Willi Breul zur Lehrlingskapelle der Musikschule in Wilsdruff/Sachsen. Musikdirektor Ewald Philipp war von dem Herzberger Willi Breul sehr angetan, denn der junge Mann begann schon frühzeitig zu komponieren. Da Willi ein begeisterter Anhänger der Herzberger Schützengilde war, komponierte er extra einen Schützenmarsch mit Gesang unter dem Titel „Fest auf`s Ziel“, den er am 6.9.1935 der Herzberger Schützengilde schenkte. Vorher hatte Obermusikmeister Thiele vom Torgauer Reiterregiment Nr. 10 den Marsch getestet und ihn für gut befunden. Ein Verleger bot dafür sofort 75 RM. Nach seiner Lehrzeit in Wilsdruff arbeitete Willi Breul als Solohornist bei der Dresdener Philharmonie und freute sich über sein erstes „fürstliches Gehalt“ von 450 Mark, wie er zu sagen pflegte.

Die Anregung zum Herzberger Schützenmarsch hatte Willi Breul von seinem Vater erhalten. Der Marsch sollte beim Schützenfest 1934 im Beisein des Vaters uraufgeführt werden. Leider verstarb der Vater schon am 18.1.1934. Breul schickte die Noten nach Herzberg an den Schützenmajor Carl Doerr und wurde daraufhin zum Schützenfest 1935 eingeladen. Er nahm an der Königstafel teil und schenkte bei der sogenannten Beutelwäsche die Noten und den Text in einer vom Schützenmitglied Otto Schlieben gestalteten Mappe in den Stadtfarben der Schützengilde. Musikdirektor Rohr aus Annaburg, der mit seiner Kapelle bei den Herzberger Schützenfesten oft spielte und versprach, den neuen Marsch bei jeder Gelegenheit aufzuführen.

 

 

 

 

Schützenfest 1932
(Aufnahme vor der Stadtkirche)

Maurermeister Otto (Deutsche Kompanie)

Tischlermeister Müller (Grenadierkompanie)

Kaufmann Wilkniß (Jägerkompanie)

 

Foto:     Schützenarchiv Herzberg

 


Willi Breul, der 1935 Ehrenmitglied der Herzberger Gilde geworden war, bat später um Rücksendung der Notenmappe an seinen Wohnort (Dresden N 6), da er erkrankte und nach einem Schlaganfall Seh- und Sprachstörungen hatte. Er verstarb 1941. Leider verlor sich die Spur der Notenmappe in den Kriegsjahren. In seinen Lebenserinnerungen sagte Willi Breul einmal: „Ich bedaure es, dass es das Schicksal so will, dass ich nicht mehr Herzberger Einwohner bin, dann wäre ich bestimmt ein Schützenkamerad!“ Die Schützenkönige der Vergangenheit (vor dem 2. Weltkrieg) hatten sich während und nach dem Schützenfest in der Öffentlichkeit zu präsentieren. Die öffentliche Präsentation war natürlich mit höheren finanziellen Ausgaben verbunden. Um ihren Pflichten gerecht zu werden, erhielt der Schützenkönig zu Beginn des Schützenfestes vom Schützenmajor ein Schreiben, in dem die Aufgaben des Schützenkönigs, seine Pflichten und die ihm zustehenden Geldmittel genau angegeben waren. Am 7.8.1930 z.B. standen dem Schützenkönig 200 Reichsmark zur Verfügung. Davon musste er im Weinzelt u.a. die übliche „Königsbowle“ begleichen. Für den Schützenoffizier beim Königsschießen im Anzeigerstand bezahlte er eine Flasche guten Weines, für den Anzeiger im Schießstand hatte er 2 RM und für den Kanonier, der mit einem Schuss den Königsschützen ankündigte, 3 RM zu entrichten. Für die Königsgirlande (Wohnungseingang) durfte er 3 RM in Rechnung stellen. Seine Pflicht war es, bestimmte Persönlichkeiten der Stadt (Bürgermeister, Superintendent, Magistratsbeamte, Offiziere des Schützenvorstandes, Offiziere der Schützenwachkompanie, den vorjährigen Schützenkönig und persönliche Freunde) zum Königsfrühstück einzuladen und das Frühstück zu bezahlen. Die Schützenwache erhielt von ihm 10 RM für Getränke. Er war auch verantwortlich für die Abhaltung des Königsballes und mussten den Tanzordnern je 1 Flasche Wein zur Verfügung stellen. Viel blieb deshalb von den 200 RM nicht übrig, denn es stellten sich im Ablauf der „Königsherrschaft“ immer noch andere Ausgaben ein. Der Schützenplatz nahe dem „Schützenhaus“ besaß um 1931 eine Größe von 3300 m². Die Schützenwiese umfasste eine Fläche von 1 ha. Da der Schießstand längs des Nordwalls (zwischen Schützenhaus und Einmündung „Mönchstraße“) den neuesten Anforderungen widersprach, wurde die weitere Nutzung am 1.9.1930 zunächst untersagt.

 

 

Grundsteinlegung des neuen Schießstandes am 23.3.1931 (Rechts vom Schützenhaus).

Zugelassen für Großkaliber (100 m lang, 4 Stände)

 

Foto: Schützenarchiv Herzberg

 


Ein Jahr später konnte die Schützengilde im Beisein des Bürgermeisters Sourell, von Magistrats- und Kirchenvertretern den Grundstein für eine neue Schießanlage setzen lassen, so wie sie bis zum Ende des 2. Weltkrieges und zum Teil noch in den ersten DDR-Jahren bestand. Die Reste der Anlage wurden bei der Anlage der „Leipziger Straße“ beseitigt.

 

                                                                                             Wird fortgesetzt!        H. Knuppe

 

 

 

 

Die Chronik der Jäger-Kompanie Herzberg (Elster) (18)

 

Zum Schützenarchiv Herzberg gehört auch eine „Chronik der Jäger-Kompanie Herzberg (Elster)“. Die 45cm x 32 cm große Chronik mit Goldschrift auf einem schwarzbraunen Ledereinband enthält nur wenige Eintragungen, die in deutscher Sütterlin-Schrift auf gezogenen Linien gemacht wurden. 2 Artikel vom 8.10.1932 stammen vom Mitglied der Jäger-Kompanie Franz Miethe, den 3. Artikel verfasste am 31.10.1942 Frau Barbara Doerr, die Ehefrau des 1934 zum Schützenmajor gewählten Carl Doerr.

Der folgende Text (mit allen „Ausdrucks-, Orthografie- und Grammatikfehlern) wurde im Wortlaut mit geringen Änderungen aus der Chronik übernommen.

 

„Die hiesige privilegierte Schützengilde schaut nunmehr auf eine Geschichte von über 500 Jahren zurück und doch ist den einzelnen Kameraden so wenig von der glorreichen Vergangenheit bekannt. Selten nimmt sich jemand die Zeit, aus alten Akten die Geschehnisse früherer Jahrhunderte zu erforschen. Die Namen früherer Kameraden, sowie die Taten, welche sie zum Wohle der Gilde und ihrer Vaterstadt geleistet haben, sind versunken und vergessen, bis auf wenige Ausnahmen. Um in Zukunft hier eine Änderung herbei zu führen, hat die Jägerkompanie beschlossen, eine Chronik der Jägerkompanie anzulegen und ich habe die Ehre die ersten Eintragungen in diesem Buch zu machen.

Als erstes habe ich der Chronik die Festschrift über das 300jährige Jubiläum der Herzberger Schützengilde und das 50jährige Jubiläum des Hauptmanns der Jägerkompanie a.D. Johann Gottlob Winkelmann einverleibt.

 

 

Traditionelle Schützenzeremonie – Abholen des Schützenkönigs Carl Doerr (1880 – 1941) mit militärischen Ehren.

Die Wachtposten der Deutschen Kompanie und die Grenadierkompanie präsentieren vor dem Haus „Torgauer Str. 51“.

 

Repo: U. Doerr              Fotoaufnahme: vor 1933


Als ich noch Kind war, gab es vier Kompanien bei der Gilde: 1. Die Jägerkompanie, 2. Die Grenadierkompanie, 3. Die Neuchateller, 4. Die Deutsche Kompanie. Der letzte Hauptmann der Neuchateller war Herr Zimmermeister Tanneberger. Nach seinem Tode traten die Kameraden zu anderen Kompanien über. Von der Jägerkompanie ist mir noch aus der Kindheit bekannt, dass zu der Uniform gelbe Fangschnüre gehörten, welche später angeschafft wurden. Der erste Hauptmann auf den ich mich besinne, war Herr Gottfried Schmidt, Restaurateur. An Offizieren kenne ich noch die Herren Adjutant Schade, Carl Carius, Kuhnert, Baatz, Enigk und Winkelmann. Später wurde Fleischermeister Kühne Hauptmann. Offiziere waren Kürschnermeister Pollmer, Wurstfabrikant Krüger und Otto Schulze.

Nach Übertritt des Hauptmanns Kühne zu den Veteranen, wurde 1895 Paul Krüger Hauptmann der Kompanie. Offiziere waren die Herren Fuchs, Möbius und Neumann. 1899 wurde Paul Krüger Major der Gilde und Herr Schügner Hauptmann. In einer Kompanie-Versammlung machte ich den Vorschlag unseren Hauptmann Rittmeister zu nennen, was allseitig Zustimmung fand. Seitdem haben die Führer der Jägerkompanie den Titel Rittmeister geführt. Nach dem Ableben des Herrn Rittmeisters Schügner, rückte Oberleutnant Schulze an seine Stelle und Leutnant Möbius wurde Adjutant. Zum Leutnant wurde Herr Steinsetzmeister Voigt gewählt. Im Jahre 1907 feierte die Gilde ihr 500jähriges Jubiläum und die Weihe einer neuen Fahne für die Jägerkompanie. Der enge Vorstand bestand aus lauter Jägern und zwar Major Krüger, Adjutant Möbius, Schützenmeister Herzberg und Beisitzer Franz Miethe. Schützenmeister und Beisitzer waren zur Zeit Bataillonsoffiziere. 1908 wurde Schützenmeister Kurt Herzberg Bataillons-Offizier und Franz Miethe wurde Schützenmeister. Nach Rittmeister Schulze übernahm dieses Amt Kurt Herzberg welcher leider 1911 als Rittmeister starb. An seine Stelle trat Rittmeister Voigt. Robert Voigt war Leutnant und Schützenmeister, Franz Miethe wurde Offizier, behielt aber seinen Posten bei und Rittmeister Voigt wurde Beisitzer. Laut Beschluss vom 29. Juni 1911 sollten die Ämter des Schützenmeisters und Beisitzers von Kompanie-Offizieren bekleidet werden. 1913 war die Kompanie so stark geworden, dass ein 4. Offizier gewählt werden musste und so fiel die Wahl auf Bruno Neumann. 1912 war Leutnant Miethe Schützenkönig und man stiftete ihm einen Kranz. Die jungen Schützenschwestern schenkten ihm eine neue Schärpe mit silbernem Schild auf welchem ihre Namen verzeichnet standen. König Miethe stiftete daraufhin einen Schmuck für die Königin, den er seiner Frau beim Königsball umhängte. 1913 sammelte Frau Königin Tobias bei allen Schützenfrauen Geld und dafür wurden die Orden für Kranzkönig, Adlerkönig und Buschkönig beschafft.

 

                                                                                             Wird fortgesetzt!        H. Knuppe

 

 

 

 

Die Chronik der Jäger-Kompanie Herzberg (Elster) (19)

 

„1913 legte nach langer Dienstzeit Herr Major Krüger sein Amt nieder und Herr Adjutant Schmidt, welcher im Jahr 1908 an Stelle des ausgeschiedenen Adjutanten Möbius Adjutant geworden war, wurde Major.

Zum Adjutanten wählte die Versammlung Herrn Finster, so dass der engere Vorstand wieder aus lauter Jägern bestand. 1914 brach kurz vor dem Schützenfest der Weltkrieg aus.

Die Schützengilde übernahm den Wachtdienst an den Brücken und Chausseen und zwar jede Kompanie immer 24 Stunden. Später, als immer noch Kameraden eingezogen wurden, ging der Wachtdienst in andere Hände über. Den Tod für das Vaterland im Krieg starben die Jäger Emil Winter und Bruno Heide, die Grenadierkompanie hatte den Tod des Kameraden Weigel zu beklagen. Die Gilde verlor 3 gute Kameraden, deren Andenken immer in Ehren gehalten wird“.

Nach den Schrecken des 1. Weltkrieges, dem hohen Blutzoll, den die Bevölkerung zu tragen hatte, den Jahren des Hungers und der Entbehrungen, kam es vielerorts zu Protesten und zur Suche nach Schuldigen, was auch von verschiedenen politischen Kräften genutzt wurde. In Herzberg kam es bei einer Schützenparade im Jahre 1923 (während des Schützenfestes) zu Rangeleien und Auseinandersetzungen, die in der Chronik der Jägerkompanie erwähnt werden.

 

An der Spitze der Jägerkompanie –

Oberstleutnant Carl Doerr (1880 – 1941)

beim Ritt durch die geschmückte Stadt

(etwa 1922).

 

Repro: U. Doerr

 

„Nach dem Kriege nahm die Gilde großen Aufschwung, so dass die Jägerkompanie einen 4. Leutnant wählte und zwar den Kameraden Karl Doerr im Jahre 1920.. Im Jahre 1923 gingen Herr Oberleutnant Voigt und Herr Leutnant Neumann zur Veteranenkompanie über. Leutnant Doerr wurde Oberleutnant und die Jäger Heinrich Wilkniß und Wilhelm Fleck Leutnant. Es war die Zeit der stärksten Inflation und als nun von Berlin noch einige Revoluzzer* erschienen, kam es am Königsschieß-Sonntag, als die Gilde am Mittag zur Parade antrat, zu einem großen Auflauf und Radau. Die Vorstände suchten durch gutes Zureden die Aufgeregten zu beruhigen, jedoch vergeblich, der Tumult wurde immer ärger und als die Menge versuchte der Musik die Instrumente zu entreißen, trat Oberleutnant Doerr vor die Front und rief: „Die Jägerkompanie hört auf mein Kommando, rechts um marsch!“ So marschierte dann die Jägerkompanie geschlossen, an der Spitze Oberleutnant Doerr, an der vor ihr stehenden Deutschen Kompanie vorüber, hinein in den Knäuel Menschen und machte energisch Platz. Der letzte Kampf spielte sich im Hause des Dr. Taegener ab, welcher denn auch das Verbinden besorgte, aber nicht feststellen konnte, ob die Verletzung mittels gefährlicher Werkzeuge (Säbel) entstanden sei. Wie immer hatten sich auch hier die Hauptschuldigen der verdienten Züchtigung durch die Flucht entzogen. Beim Umzug wurde die Musik von Jägern begleitet, auch marschierten Jäger am Ende des Zuges. Da angenommen wurde, dass die Beteiligten an Herrn Oberleutnant Doerr Rache nehmen würden, fand eine Versammlung der Kompanie beim Kameraden Neumann statt, in welcher Alarmbereitschaft beschlossen wurde. Jeder Offizier bekam eine Anzahl Jäger zugeteilt, die Treffpunkte wurden festgelegt. Alarm sollte durch Anschlagen der Glocke erfolgen, aber es geschah nichts. In einer großen Leipziger Zeitung erschien ein Artikel, in dem gesagt wurde, dass Herzberg die einzige Stadt im Deutschen Reiches sei, in welcher 1923 die Schützen mit Waffen ausgezogen seien.“

 

* Alter Ausdruck „Hetzer“ durch „Revoluzzer“ ersetzt!

 

                                                                                             Wird fortgesetzt!        H. Knuppe

 

 

 

 

Die Chronik der Jäger-Kompanie Herzberg (Elster) (20)

 

1926 ging Herr Oberst Schmidt, den Titel hatte er bei seiner Silbernen Hochzeit erhalten, von der Aktivität ab und wurde Ehrenmitglied. Zu seinem Nachfolger wurde der Hauptmann der Deutschen Kompanie Arthur Otto gewählt. Herr Rittmeister Voigt, welcher der rangälteste Offizier war, fühlte sich dadurch übergangen und trat zu den Veteranen über. Zum Rittmeister wurde Oberleutnant und Schützenmeister Miethe gewählt. Leutnant Wilkniß wurde Oberleutnant und Hausner Leutnant, so dass das Offizierskorps der Kompanie sich wie folgt zusammensetzte: Rittmeister und Schützenmeister Franz Miethe, Oberleutnant Karl Doerr, Oberleutnant und Beisitzer Heinrich Wilkniß, Leutnant Wilhelm Fleck und Leutnant Karl Hausner.

1928 hatte die Kompanie eine besondere Feier. Ein alter verdienter Jäger, Herrmann Breul, welcher in Berlin lebte, war eingeladen um im Kreise lieber Kameraden den Tag festlich zu begehen, an welchem er vor 50 Jahren die Würde als Schützenkönig errungen hatte. Oberjäger Max Eule stellte eine Equipage (Kutsche) und fuhr sie, während Rittmeister Miethe und Ordonnanz Walter Fleck den Gast auf dem Bahnhof in Empfang nahm, ihn begrüßte und mit einem Kranz schmückte. Der Einzug in die alte Heimatstadt war sehr feierlich. Voran die Musik, dann der Wagen mit dem Gast, Rittmeister und Ordonnanz auf dem Bock, eskortiert von den Jägern Eichelbaum, Ockert, Pötzchik und Ley zu Pferde.

Das Fest hatte dem alten Kameraden so gut gefallen, dass derselbe der Kompanie 50 Mark spendete, welche zur Veranstaltung einer schönen Feier bei Kamerad Eule verwendet wurden. Herr Leutnant Wilhelm Fleck war 1927 zur Veteranenkompanie übergetreten, eine Neuwahl fand nicht statt, da durch die Notzeit die Kompanie schwächer geworden war. Der Rittmeister Miethe stiftete für den besten Jäger auf der Königscheibe einen Wanderorden und Oberleutnant Doerr an seinem Königsjahr 1925 eine silberne Kette für den Schmuck der Königin. Im Jahr 1930 legte ich, Franz Miethe, wegen Krankheit meine Ämter nieder und trat zu den Veteranen über. Die Kompanie ehrte meine Arbeit durch Überreichung eines schönen Diploms. Die Generalversammlung Königschießen 1932 ernannte mich auf Vorschlag des Rittmeisters Doerr zum Ehrenmitglied.

 

 

 

 

 

Otto Hermann Kühne Fleischermeister („Markt Nr. 2“) geboren in Herzberg/E.

am 17. August 1870, verheiratet am 8. Dezember 1912 mit Olga Eifrig aus Herzberg/E.

Eintritt in die Gilde: 8. August 1900

Beförderungen: Unteroffizier 1914, Wachtmeister 1923

Austritt aus der Gilde: 1930

 

 

                                                                                             Wird fortgesetzt!        H. Knuppe

 

 

 

 

Die Chronik der Jäger-Kompanie Herzberg (Elster) (21)

 

„In der Zeit wo ich der Gilde angehörte, von 1906 bis 1930, hat die Gilde folgendes geschafft:

1907 die Jägerfahne, die Königskette, Geschenk des Herrn Rothe, Neffen des Deutschen Schützen Schortmann, welcher 1907 sein 50jähriges Jubiläum als aktiver Schütze feierte.

 

Dann das Planieren der 4 Morgen großen Schützenwiese, hat 800 Mark gekostet. Dann sind im Lauf der Jahre der Berchtsche Garten, westlich von Grubitzsch, der Freiwaldsche Garten, nördlich an Grubitzsch und der Lessingsche Garten am Schützenhaus und Mühlgraben gekauft und aufgefüllt worden. Der der Stadt gehörende Schönausche Garten wurde in Dauerpacht genommen. Die Vorarbeiten zum Bau eines neuen Schießstandes wurden vollendet und die Begräbniskasse gegründet. In die Zeit fällt auch die Einführung der Vogelstange und wird schon seit Jahren der Adlerkönig auf der Scheibe ausgeschossen.

Hiermit schließe ich meine Aufzeichnungen und übergebe meinem Nachfolger dieses Buch.“

Herzberg, den 8. Oktober 1932

 

 

 

 

 

 

Der Berichterstatter der Jägerkompanie
Herr Franz Miethe (1872-1952)

 

Foto: Graßmann 1932

„Ein besonderes Ereignis sei hier noch erwähnt. Als der Jäger Wilhelm Fleck im Jahre 1920 König war, lud er die ganze Kompanie bei der Hochzeit seines Sohnes abends mit ihren Damen zum Tanz ein. Im Lauf des Abends bat man den König auf einen aufgebauten Thron Platz zu nehmen. Darauf marschierte ein Zug Jäger in Parade auf und nahm mit präsentiertem Säbel rechts und links vom Thron Aufstellung. Hierauf erschien der „Minister“ Alfred Fränkel mit einer großen Urkunde und die Pagen Wilkniß und Eduard Kaiser mit den „Reichskleinodien“. Nachdem man die Urkunde verlesen hatte wurde der König mit Mantel, Krone, Zepter und Reichsapfel geschmückt und ein feierlicher Umzug im Saale gehalten. Der König stiftete für die Hauptbeteiligten und die Offiziere einen Orden.

Als mein Mann, Carl Doerr, dieses Buch übernahm, war er noch im Vollbesitz seiner Kräfte. Er liebte die Schützengilde mit ihrer alten Tradition und arbeitete auch in diesem Sinne in der Gilde weiter. Als unser ältester Sohn am 19.11.1933 beim Segelfliegen tödlich abstürzte, war auch ein Teil seiner Lebenskraft gebrochen. Nachdem er 1934 zum Major gewählt wurde, hat er unentwegt in der Gilde und für die Gilde weiter gearbeitet und im zähen Ringen noch manches erreicht. Auch frohe Stunden und gute Kameraden hat er in der Gilde gefunden. Er hätte in diesem Buch vielerlei zu sagen gehabt, wenn er nicht allzu früh von uns weggenommen würde. Daher fühle ich mich berechtigt, diese Zeilen in das Buch der Jägerkompanie einzutragen.“

Herzberg/Elster, den 31. Oktober 1942                           Frau Barbara Doerr

 

                                                                                             Wird fortgesetzt!        H. Knuppe

 

 

 

 

Das letzte Friedensschützenfest 1939 (22)

 

Wir verdanken es einem glücklichen Zufall, dass ein ausführlicher Bericht in der damaligen „Mitteldeutschen Schützenzeitung“ vom 25.8.1939, wenige Tage vor Ausbruch des 2. Weltkrieges ausführlich und sehr sachlich über das letzte Schützenfest im Frieden berichtete.

Das Fest begann am 9. August mit dem „Zapfenstreich“den die wachhabende Grenadierkompanie, an der Spitze der Schützenmajor Wilkniß, unter großer Anteilnahme der Bevölkerung durch die Straßen unserer Stadt führte, um den Vorjahreskönig in der „Schliebener Straße“ abzuholen. Dort angekommen, wurden den Grenadierschützen in einer Marschpause kulinarische Genüsse angeboten, die zur Hebung der Stimmung deutlich beitrugen. Die Stadt war mit Girlanden und Fahnen geschmückt, als die Wachkompanie mit dem Vorjahreskönig den Rückmarsch antrat, um im Schützenhaus pünktlich zur „Generalversammlung“ zu erscheinen, wo sie schon von den Schützenveteranen, Ehrengästen, Abordnungen anderer Gilden und ihren Schützenkameraden von der Jägerkompanie und der Deutschen Kompanie erwartet wurden. Zur Begrüßung spielte die Annaburger Musikkapelle unter dem Musikmeister Rohr den bereits erwähnten „Herzberger Schützenmarsch“, den Ehrenmitglied Willi Breul aus Dresden komponiert hatte. Es war inzwischen festgelegt worden, dass dieser Marsch in Zukunft immer zu Beginn und zum Abschluss des Schützenfestes gespielt werden sollte.

Schützenmajor Wilkniß begrüßte gegen 22 Uhr die „Generalversammlung“ und dankte dabei dem Vorjahreskönig für die „segensreiche Regierungszeit“. Anschließend gedachte man der vorstorbenen Schützenmitglieder, nahm neue Mitglieder auf, ernannte bewährte Schützen zu Offizieren und verabschiedete ältere Schützenkameraden in die Veteranenkompanie. Anschließend kam es zur Festlegung der Organisation für das Preisschießen am 13.8. vormittags und für die Schützenparade am gleichen Tage ab 12 Uhr mittags.

Am 10. August begann das eigentliche Schützenfest mit dem Weckruf um 6 Uhr früh. Die Kompanien nahmen dann ihr Frühstück in den Stammlokalen ein. Die Veteranenkompanie genoss ihr Frühstück im Ratskeller gemeinsam mit dem Bürgermeister. Um 12 Uhr versammelten sich alle 4 Kompanien auf dem Marktplatz und marschierten dann zum Vorjahreskönig um ihn zum letzten Mal abzuholen. Bei einer Marschpause am Andreas-Bolde-Denkmal legten die Schützen dort einen Eichenkranz nieder.

 



Das Boldedenkmal am Altstadteingang („Schliebener Straße“, linke Seite).

Foto: Schönn (1937)

 

Beim Rückmarsch kam es auf dem Marktplatz zur Schützenparade und zur Ansprache des Bürgermeisters. Danach bewegte sich der gesamte Festzug zum Schützenplatz, wo um 14.30 Uhr das eigentliche Schützenfest seinen Anfang nahm. Die politische Situation war in diesen Tagen in Deutschland und Europa auf das Äußerste angespannt. Es lag etwas in der Luft, was bei manchen Einwohnern und Schützenkameraden bei aller Fröhlichkeit, die jedes Jahr das Schützenfest auslöste, ein ungutes Gefühl aufkommen ließ. Wehrmachtstruppen bewegten sich seit Wochen auf den Straßen, Zeitungs- und Radiomeldungen überschlugen sich und die ersten Einberufungen von Söhnen und Vätern unserer Stadt zum Wehrdienst ließen sorgenvolle Ahnungen aufkommen.

 

                                                                                             Wird fortgesetzt!        H. Knuppe

 

 

 

 

Das letzte Friedensschützenfest 1939 (23)

 

Schützenkompanien, Ehrengäste und Abordnungen nahmen am 10. August 1939 gegen 15 Uhr im Schützenhaussaal das Festbankett ein. So gestärkt begann das Schießen auf der Schießbahn. Gegen 17.30 Uhr stand die Königsscheibe im Mittelpunkt des Schießens, die danach 32 Treffer aufwies.

Den Königsschuss gab schließlich Bäckermeister Richard Herzberg ab. Der zweitbeste Schütze war sein Berufskollege, der Bäckermeister Alois Woiwode („Anhalter Straße“), der den Titel „Kranzkönig“ erhielt. Gegen 19.15 Uhr von der Bevölkerung mit Spannung erwartet, ertönten die Schüsse der kleinen Signalkanonen und die Namen der beiden Könige wurden der Öffentlichkeit bekanntgegeben.

Der neue Schützenkönig Richard Herzberg nahm im Weinzelt die Glückwünsche seiner Schützenkameraden, der Ehrengäste und vieler Bürger der Stadt entgegen, wobei er erstmals seinen neuen Namen „Richard von Herzberg“ vernahm. Richard Herzberg bedankte sich, denn er verstand Spaß. Es war ihm immerhin gelungen, durch einen guten Schuss vom einfachen Herzberger aus dem Bürgerstand in den „Adelsstand“ zu wechseln!

 

 

 

 

 

 

Blick auf die Signal-kanonen der Herzberger Schützengilde (vor dem Frühstückslokal der Jägerkompanie).

 

Von links:

Otto Schliebner, Jäger-kompanie, Schüler Karl Streubel, wohnhaft am „Markt Nr. 5“, Schüler Heinz Rietz, wohnhaft im Rathaus, gefallen als Unteroffizier an der Invasionsfront 1944 bei Cherbourg/Normandie.

 

Foto: Schützenarchiv Herzberg (etwa 1937)

 

Der neue Adlige „Richard von Herzberg“ wurde schließlich von seinen Schützenkameraden und vielen Einwohnern nach Hause gebracht, wo vor seinem Haus in der „Torgauer Straße“ ein großes Feuerwerk den Schützenkönig begrüßte. Die Deutsche Kompanie geleitete den Kranzkönig Alois Woiwode bis zu seiner Bäckerei in der „Anhalter Straße“.

 

 

Die Jägerkompanie auf dem Marsch.

Inzwischen trafen die „stark abgekämpften“ Schützenkameraden mit ihren Frauen wieder im Schützenhaussaal ein, wo auch der neue Schützenkönig und der Schützenmajor mit ihren Ehefrauen an der Spitze der traditionellen Polonaise den abendlichen Festball eröffneten. Bis zum Morgengrauen, so erzählt uns der Bericht, sollen dann die nimmermüden Schützen das Tanzbein geschwungen haben! Am 11. August 1939, es herrschte herrliches Schützenwetter, lud der Schützenkönig „Richard von Herzberg“ alle Schützenkompanien zum Frühstück ein, das sie in ihren Stammlokalen einnahmen. Danach paradierte die Jägerkompanie am Haus des Schützenkönigs „Torgauer Straße Nr. 63“) vorbei und rückte dann zu ihrem „Stützpunkt“, dem Gasthaus am Reichsbahnhof, um von dort aus ein „Geländespiel“ (so nannte man das in der Schützensprache) durchzuführen.

Die Führung des Unternehmens hatte der Oberleutnant der Jägerkompanie, der Schlosser-meister Alfred Eule.

 

Von rechts:

Schlossermeister Alfred Eule (Torgauer Str. Nr. 41 und Nr. 44) Schlossermeister Reinhold Böhme (Schliebener Str. Nr. 50)? (unbekannt)

 

 

Foto: Schützenarchiv Herzberg (etwa 1938)

 

Schützenkönig Richard Herzberg besuchte nach und nach alle Kompanien in ihren Lokalen und begab sich dann zu einem „Kommers“ (früher bekannt als Trinkgelage!) in die Gaststätte „Heiterer Blick“, an dem dann wieder die Ehrengäste, die verschiedenen Abordnungen und die Schützenkompanien teilnahmen. Nach dem gemeinsamen Essen marschierten alle Teilnehmer zum Schützenplatz (das geplante Preisschießen war inzwischen abgesagt worden), wo sich die Schützenmitglieder und ihre Gäste an dem bunten Treiben vor den Schieß,- Spiel- und Glücksbuden beteiligten. Für die Kinder gab es einen weiteren Höhepunkt, denn nun fand auch der traditionelle Kindertanz statt, fürsorglich oft unter den Augen der Eltern.

                                                                                             Wird fortgesetzt!        H. Knuppe

 

 

 

 

Das letzte Friedensschützenfest 1939 (24)

 

Am Abend klang das Schützenfest mit einer kleinen Feier auf dem Marktplatz aus, während die nimmermüden Schützenmitglieder bei einem 2. Festball im Schützenhaussaal bis 2.30 Uhr morgens das Tanzbein schwangen, um schließlich in der letzten Station, dem nahen Weinzelt, die Morgensonne mit einem Glas Rheinwein zu begrüßen.

 

Natürlich sahen Kinder damals so ein Schützenfest anders als die Erwachsenen. Ich kann mich noch gut daran erinnern. Damals war ich gerade stolze 15 Jahre alt. Für alle Festlichkeiten zur Schützenfestwoche erhielt ich einmalig 50 Pfennige von meiner Mutter, die immerhin 7 Kinder zu betreuen hatte und allein dastand, da mein Vater 1937 verstorben war. Im Laufschritt war ich am Sonntag nachmittag zum Schützenfest gelaufen. Was gab es da alles zu sehen! Am Eingang zur Südpromenade, zwischen dem Geschäft Schülert und dem Geschäft Fuchs, standen schon die ersten kleinen Buden und Stände. Ein Stand zog mich immer wieder an, hier wurden unzählige Keramikfiguren in glänzenden schwarzen, braunen und gelben Farben verkauft. Schützenfestbesucher bestaunten genau wie ich die schönen Hirsche, Rehe, Wildschweine, die Götterfiguren aus der römischen und griechischen Geschichte, Figuren, deren Kauf für uns Schüler unerschwinglich war.

 

 

„Fliegende Händler“ beim Herzberger Schützenfest.

 

Repro.:          Schützenarchiv Herzberg

 

Meine Hand in der Hosentasche umkrampfte die 50 Pfennige, damit sie ja nicht verlorengingen bei dem Gedränge der Menschen, das sich von Bude zu Bude, von Stand zu Stand, vorbei an Kettenkarussels, an Schiffsschaukeln, an der Autoscooterbahn, am Boxring und anderen Vergnügungseinrichtungen schob.

Schon das Zusehen und Zuhören der Anpreiser und Marktschreier war ein Genuss! 5 Pfennige z.B. kostete der Flohzirkus, bei dem die possierlichen Tierchen wie gelernt einen winzigen Wagen zogen, auf hohen Stangen kletterten und um die Wette einen dünnen Faden zogen. Oder der muskulöse Athlet, der braungebrannt auf dem Schützenplatz seinen nackten Oberkörper in Ketten legen ließ, vor den Augen der Zuschauer eingegraben wurde, so dass nur der Kopf über der Erdoberfläche ragte und sich innerhalb von 5 Minuten wieder von den Ketten befreite und schließlich unter dem Beifall der Umstehenden aufstand und durch einen Affen mit einer Mütze Spenden für seine Schaustellung einsammeln ließ.

 

                                                                                             Wird fortgesetzt!        H. Knuppe

 

 

 

 

Das letzte Friedensschützenfest 1939 (25)

 

An den Schießbuden konnte ich manche Stunde stehen, um die verschiedenen Meisterschützen zu bewundern oder auch zu belächeln, wenn sie trafen oder auch nicht trafen. Der Vater schoss Kunstblumen für die Kinder, der Freund erhoffte sich durch eine hohe Trefferzahl auf den Scheiben den kostenlosen Erwerb einer Flasche Wein oder bunte Kunstblumen für seine Begleiterin, während wieder andere Schützen beim Schießen noch unerfahren waren, nicht trafen und für manche Heiterkeit bei den Zuschauern sorgten.

 

Studien an der Schießbude:

Zu früh geschossen!

 

Studien an der Schießbude:

Er kann das Knallen nicht vertragen!

 

 

Repros: Schützenarchiv Herzberg

 

Nach einer Weile konnte ich am duftenden Stand mit dem türkischen Honig nicht mehr vorbeigehen. Ich opferte 5 Pfennig von meinen 50 Pfennigen für eine dünne Scheibe des köstlichen Honigs, der mir, von Wespen und Bienen umschwirrt, auf einem weißen Stück Karton präsentiert wurde. Danach stellte sich unweigerlich der Durst ein, dem ich nochmals 5 Pfennige opferte, um mich bei einer kleinen Tüte Erdbeereis etwas zu erfrischen. Kraftvoll versuchten sich viele bärenstarke Männer mit dem Hammer beim „Haut den Lukas-Schlagen“. Nicht allen gelang es, den Bolzen himmelwärts bis zum Ende der Führungsstange und damit zum Knall zu treiben, aber der Spaß und der Vergleich der Kräfte, oftmals auch eine Wette unter den Besuchern des Schützenfestes, ließ den Betreiber des „Lukasturmes“ nicht zur Ruhe kommen.

Es war ein ungeschriebenes Gesetz, dass ein richtiger Herzberger Junge am Bockwurststand von „Ottos Würstchen“ nicht vorbei kam. Die Bockwurst war dick und kurz, sollte zu 50% aus Pferd und zu 50% aus Schwein bestehen, schmeckte köstlich und ....kostete nur 10 Pfennige, während die Wiener Würstchen immerhin 25 Pfennige aus den Taschen zogen. Also blieb ich und andere Jungen bei den dicken kurzen Otto-Würstchen!

Einige Jungen aus der Knaben- und Jugend-Fußballmannschaft des VfB Herzberg, der ich auch angehörte, zogen mich weg vom Bockwurststand zu einem großen Zelt, wo ein riesiger Ausschreier vor einem großen Plakat den staunenden Zuschauern das bevorstehende Programm der „Dame ohne Unterleib“ erklärte, das 25 Pfennige kostete und in einer Viertelstunde beginnen sollte. „Kommt für uns nicht infrage, zu teuer“, meinte einer meiner Fußballfreunde und zog mich und seinen Begleiter am Hemd hinter das große Zelt. Hier, hart am Ufer des Mühlgrabens, handelten meine 2 Begleiter schnell. Ein kleines Loch in der Zeltleinewand war mit dem Taschenmesser schnell ausgestochen, um einen Blick auf die sagenhafte „Dame ohne Unterleib“ zu werfen. Immerhin verlangte die Schauleitung dafür 50 Pfennige, für uns unerschwinglich!

 

                                                                                             Wird fortgesetzt!        H. Knuppe

 

 

 

 

Das letzte Friedensschützenfest 1939 (26)

 

Ich starrte durch den Schlitz und war enttäuscht. Im Zeltinnern war es noch dunkel und auf der kleinen Bühne keine „Dame ohne Unterleib“ zu sehen. Wir einigten uns schließlich, jeder durfte 3 Minuten durch das Loch starren, dabei bedacht, nicht vom steilen Ufer des Mühlgrabens abzurutschen und ein kühles Bad zu nehmen. Schließlich wurde unsere Ungeduld belohnt. Langsam füllte sich das Zeltinnere, auf der kleinen Bühne tanzten ein paar Clowns herum, so dass wir immer stärker unsere Nasen auf die Zeltleinwand pressten, um ja nicht den Auftritt der Unterleibsdame zu versäumen.

Plötzlich traf ein derber Schlag das Guckloch und damit die Nase meines Freundes, der kurz aufschrie und zurückwich. „Schnell weg“ konnte er uns noch zurufen, was wir blitzschnell befolgten, um im Gewühl der Menschenmassen unterzutauchen.

Am späten Nachmittag versuchte ich mein Glück in einem sich drehenden Tonnenhohlraum. Anfangs setzte sich die Tonne harmlos in Bewegung, steigerte dann aber die Umdrehungen und schon purzelten wir alle durcheinander. Wir versuchten den Ausgang der Tonne zu erreichen, was erst mit vielen Versuchen gelang. Als endlich die rollende Tonne zur Ruhe kam, setzte ich meine Füße wieder auf dem festen Schützenplatzboden, klopfte meine Hosen sauber und erkannte zur eigenen Freude vor der Schaubude meine Tante aus Jeßnigk, die mich freundlich begrüßte und mir mit verständnisvollem Lächeln etwas in die Hand drückte. „Das kannst du doch gebrauchen“ meinte sie. Und ob! Ich schaute schnell auf das Geldstück. Es waren nochmal 50 Pfennige! Glücklich sauste ich nach einem „Dankeschön“ ab und genoss noch einmal die Freuden des Schützenfestes, damals das einzig größte und wichtigste Fest unserer Stadt!

 

 

Von links: Die Herren Ley, Hausner, ?, Wilkniß, Frenzel, Pötzsch, Jehnichen, Meißner, Müller, ?,

Der Tag nach dem Schützenfest war der „Beutelwäsche“ vorbehalten.

Alle Schützen trafen sich in ihren Stammlokalen mit mehr oder weniger Geld in den Portemonnaies, um den Rest auszugeben, um sinnbildlich den Geldbeutel waschen zu können. Der Schützenvorstand nutzte diesen Tag, um ein letztes Foto vom Vorstand für die Nachwelt aufzunehmen.

 

 

Der Vorstand der Herzberger Schützen-gilde vor dem Bismarck-denkmal:

(Aufnahme etwa 1937).

 

                                                                                             Wird fortgesetzt!        H. Knuppe

 

 

 

 

Vom „Volksschützenfest“ zur Wendezeit (27)

 

Das letzte große Schützenfest vor Ausbruch des 2. Weltkrieges im August 1939 vereinte noch einmal die Schützengilde mit der Bevölkerung aus Nah und Fern zu einem besonderen Höhepunkt. Danach riss der Krieg von Jahr zu Jahr immer tiefere Wunden in fast jede Familie. Die Schützenfeste der Kriegsjahre waren nur noch Schatten ihrer Vorgänger. Die Nazis nannten sie „Volksschützenfeste“.

Beim „Volksschützenfest 1941“ konnte auch ein kleines Programm die Sorgen und Nöte der Bevölkerung nicht überdecken. Immer mehr Schützenmitglieder jüngeren und mittleren Alters wurden zum Kriegsdienst einberufen, die Anzeigen im „Schweinitzer Kreisblatt“ über gefallene und vermisste Söhne und Väter unserer Stadt mehrten sich und nur noch die ältesten Schützenmitglieder, die schon den 1. Weltkrieg erlebt hatten, bemühten sich, die kleinen „Volksschützenfeste“ zu gestalten.

1941 war der Ingenieur Otto Dietrich Schützenkönig geworden. Damals, in der Nazizeit, gehörte die Herzberger Schützengilde zum Gau Mitte des „Deutschen Schützenverbandes“, der in seiner Zeitung die Schützengilden ständig aufforderte, sogenannte „Wehrmannschießen“ durchzuführen, für das Winterhilfswerk (WHW) zu sammeln und zu spenden und ja nicht bei allen Zusammenkünften und Veranstaltungen die „Führerehrungen“ zu vergessen. Je länger der Krieg dauerte, umso dürftiger wurden die Schützenfestprogramme. Die beliebten traditionellen „Beutelwäschen“ fanden nicht mehr statt und beim „Volksschützenfest 1944“ beschränkte sich das Programm auf eine schlichte Feierstunde im „Weinzelt“, wobei der gefallenen und vermissten Schützenkameraden und Bürger der Stadt gedacht wurde. Die Preisgelder eines kleinen Schießens (330 Reichsmark) spendete man dem Roten Kreuz. Es gab letztmalig auch einen Schützenkönig, es war der Kaufmann Karl Lang (Deutsche Kompanie).

Im Frühjahr 1945 neigte sich der schreckliche Krieg seinem Ende zu und viele besorgte Fragen beschäftigten jede Herzberger Familie, die Schützenmitglieder und ihre Angehörigen. Wie würden sich die Sieger verhalten?

So manche prächtige Schützenuniform, Traditionsfahnen und historische Waffen wurden versteckt. Selbst die Signalkanonen traten den Weg in den „Untergrund“ an. Sie sollen in einen Brunnen in der Nähe des Schützenhauses geworfen worden sein.

 

 

Das Herzberger „Schützenhaus“, so wie es noch nach Kriegsende 1945 aussah.

 

Foto: Schützenarchiv Herzberg (Aufnahme: Etwa 1920)

 

Der Familie Walter Kuring (ehemals „Schliebener Straße Nr. 81) und später der Familie Weber ist es zu verdanken, dass von Kriegsende bis zur Wende 1989/90 das wertvolle Schützenarchiv (aufbewahrt in 2 Holzkoffern) über 44 Jahre erhalten blieb und heute einen großen Wert als Quelle für Studien und Chroniken besitzt. Am 27.9.1991 übergaben Tochter Gerda Weber, geb. Kuring und Schwiegersohn Otto Weber die beiden Holzkoffer der neu gegründeten Schützengilde. Die Siegermacht Sowjetunion und die neuen politischen Kräfte in der sowjetischen Besatzungszone (1945-1949) und in der späteren DDR (ab 1949) verfolgten zunächst einen strengen antimilitärischen Kurs. Die bekannte Losung „Den Deutschen nie wieder eine Waffe in die Hand“ hatte zur Folge, dass auch die jahrhunderte alte Tradition der Schützengilden als negativer Beitrag zur nazistischen Militarisierung der deutschen Gesellschaft im „Tausendjährigen Reich“ gewertet wurde. Einige Jahre später, am 7.8.1952, hatte man sich längst vom antimilitärischen Kurs in der DDR verabschiedet. Neben der erneuten Aufrüstung gab es auch eine „Gesellschaft für Sport und Technik“, die Jugendlichen und Erwachsenen sportliche, technische und vormilitärische Kenntnisse vermitteln sollte, mit dem Ziel zur „Stärkung und Festigung der Arbeiter-und Bauern-Macht und ihrer Verteidigungsbereitschaft“ beizutragen.

 

                                                                                             Wird fortgesetzt!        H. Knuppe

 

 

 

 

Vom „Volksschützenfest“ zur Wendezeit (28)

 

Mit dem Verbot der Schützengilden konnten sich einige Herzberger Schützen nicht abfinden. Sie fanden sich „im Geheimen“ zusammen, pflegten individuelle Freundschaften, tauschten Gedanken und Erinnerungen aus und feierten gemeinsam Geburtstage und Jubiläen, wie Goldene Hochzeiten und Handwerkerjubiläen. Sie ließen es sich nicht nehmen, bei Beerdigungen den ehemaligen Schützenkameraden die letzte Ehre zu erweisen. Dreh- und Angelpunkt dieser „geheimen Schützengilde“ soll der Fleischermeister Max Voigt senior („Südpromenade“) gewesen sein.

Die Spuren der Schützengilde wurden nach und von den neuen Machthabern der DDR beseitigt. So erhielt das „Schützenhaus“ den neuen Namen „Volkshaus“ und Jahre später die Bezeichnung „Kreiskulturhaus“.

 

 

Das „Kreiskulturhaus“ um 1975 (vordem „Volkshaus“ und „Schützenhaus“).

 

Foto: Schützenarchiv Herzberg

 

Die beiden letzten Besitzer des „Schützenhauses“ waren ab 1901 der Gastwirt Karl Ermel und nach 1940 der Kinobesitzer und Gastwirt Adolf Schimm. Letzterer ließ nach Kriegsende den Saal des Gasthauses renovieren und neue Toilettenanlagen und Treppenaufgänge bauen. 1954 übergab seine Erbengemeinschaft das Haus dem Rat der Stadt Herzberg, der das ehemalige „Schützenhaus“ nach 1957 als „Volkshaus“ einem Großumbau unterzog. So entstand ein dreigeschossiger Anbau mit neuer Bühne und Orchesterraum, eine  Garderobe, links vor der ehemaligen Arkadenfront ein Restaurant mit Dachgarten, rechts vom Hauptsaal ein weiterer kleiner Saal und am oberen Saal ein überhängender Rang. 1962 waren die wichtigsten Arbeiten abgeschlossen, so dass das Theater Senftenberg eine 1. Veranstaltung am 29. Mai 1962 anbieten konnte. Die Bevölkerung hatte das Baugeschehen „Kreiskulturhaus“ mit insgesamt 7500 Aufbaustunden unterstützt.

Nach der Wende versuchte ein „Asiatisches Restaurant“ die Gastronomie des ehemaligen „Kreiskulturhauses“ neu zu beleben. Es gelang nicht. Das traditionelle Haus verfiel in einen Dornröschenschlaf. Die Bausubstanz litt spürbar darunter, so dass sich immer mehr Substanzmängel einstellten.

 

Fehlende Finanzkraft und menschlicher Unternehmungs-willen gaben schließlich dem leerstehenden Gebäude den Todesstoß. Bagger und Abrisstrupps beendeten den Dornröschenschlaf.

Das ehemalige historische Gebäude der Herzberger Schützengilden verschwand für immer aus dem Gesichtskreis der Stadtbewohner.

 

 

Die letzten Reste des ehemaligen „Schützenhauses“ danach („Volkshaus“und „Kreiskulturhaus“).

 

Foto: Archiv Knuppe (2005)

 

                                                                                             Wird fortgesetzt!        H. Knuppe

 

 

 

 

Die Wiedergeburt der Schützengilde (29)

 

Die Wiedergeburt der Herzberger Schützengilde ist ein Produkt der ungemein bewegten Wendezeit der Jahre 1989/90. Es wäre müßig, den Verdienst der Neugründung der Schützengilde einer bestimmten Person zuzuschreiben. Es waren interessierte Bürger und Institutionen unserer Stadt, unterstützt von einer ersten Freundschaft mit der hessischen Stadt Büdingen und deren „Schützengesellschaft 1353 e.V.“, die an die älteste Vereinstradition unserer Stadt anknüpften und nach 44 Jahren ihren Beitrag zur Neugründung leisteten.

Nach einer 1. Zusammenkunft und Besprechung am 21.5.1990 in der Gaststätte H.-J. Günther im Herzberger Reichsbahnhof kam es am 27.6.1990 im „Stadtcafe“ im Beisein einer fünfköpfigen Gastdelegation der Schützengilde Büdingen zur Neugründung der Herzberger Schützengilde. Kurze Zeit später, am 15.8.1990, erfolgte die Eintragung der neu gegründeten Gilde in das Vereinsregister des Kreisgerichtes Herzberg.

Die junge Herzberger Gilde legte in ihrer ersten neuen Satzung fest: „Die Schützengilde ist politisch neutral, sie dient gemeinnützigen Zwecken, führt ein geselliges Vereinsleben und widmet sich dem Schießsport!“

Diese erste Satzung erfuhr später, 1993 und 1995, erneute Veränderungen und Ergänzungen. Die jetzt geltende Satzung (36 Paragraphen) wurde ab 8.1.2000 wirksam.

Die anwesenden 15 Gründungsmitglieder wählten damals einen ersten Vorstand. Ihm gehörten an: Als Oberschützenmeister Herr Rudolf Voigt, junior (Fleischermeister), als Schützenmeister Herr Manfred Fellenberg (Ofenbaumeister) und Herr Siegfried Stefani (Gaststättenleiter), sowie als Schriftführer Herr Bernd Dahms. Die Gründungsteilnehmer fassten u.a. den Beschluss, eine entsprechende Tafel an der Vorderfront des „Stadtcafes“ anzubringen, die an den Gründungsort und den Tag erinnert.

 

Die Gründungsversammlung der „Herzberger Schützengilde 1407 e.V.“ am 27.6.1990 in der Gaststätte „Stadtcafe“.

 

 

3. Reihe: Roland Schütze, Siegfried Schmidt, Erich Hofmeister, Siegfried Stefani, Günter Hempel.

Von links:

Die Herren Peter Bettke, Heinz Opolka, ein Büdinger Gast, Rudolf Voigt, junior, Heinrich Salathe (Büdinger Gast), Manfred Fellenberg, ein Büdinger Gast.

 

2. Reihe:

Walter Fellenberg, Rudolf Voigt, senior, ein Büdinger Gast, eine Gastfrau aus Büdingen, Bernd Dahms, Erich Noack, Karl Jez, Rene Kunze.

 

Repro.: „Lausitzer Rundschau“, Ausgabe Herzberger Seite.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Blick auf die Vorderfront der Gaststätte

„Stadtcafe“ („Schliebener Straße Nr. 81“)

mit der Tafel der Schützengilde (siehe Pfeil!).

 

 

Foto: Archiv Knuppe (1992)

 

Der Leiter der Büdinger Gastdelegation Schützenobermeister Heinrich Salate sicherte der neugegründeten Herzberger Schützengilde die volle Unterstützung der Büdinger Gilde zu.

 

Er stellte den Herzberger Schützen die Büdinger Schießanlagen zur Nutzung zur Verfügung und erklärte sich bereit, zerschlissene Herzberger Gildefahnen neu restaurieren zu lassen, darunter die im März 1935 von Fleischermeister Max Voigt vor den Nazis versteckte Fahne.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Blick auf die von der Schützengesellschaft Büdingen 1993 restaurierte Fahne der Herzberger Jägerkompanie (aus dem Jahre 1907) mit den 34 Stocknägeln auf dem Fahnenstock (links).

 

 

Foto: Schützenarchiv Herzberg

 

Eine weitere Fahne, die Fahne der Grenadierkompanie (aus den Jahren 1879/80) war so zerschlissen, dass sie nur noch konserviert werden konnte. Aller Anfang ist schwer! So konnte zwar die neu gegründete Herzberger Schützengilde schon am 29.9.1991 ihr 1. Schützenfest nach der Wende auf dem ehemaligen Schießplatzgelände der GST (Gesellschaft für Sport und Technik der ehemaligen DDR) an der „Badstraße“ feiern, aber es war ein bescheidenes Fest. Erst nach und nach festigte sich die neue Gilde und erhielt Zulauf weiterer interessierter Bürger, die so die zunächst kleine Gilde verstärkten.

 

                                                                                             Wird fortgesetzt!        H. Knuppe

 

 

 

 

Die Wiedergeburt der Schützengilde (30)

 

1992 bemühte sich die Schützengesellschaft um die Rückübertragung der nach Kriegsende 1945 enteigneten Schützengilde-Liegenschaften, die damals „Volkseigentum“ geworden waren. Es waren dies Flächen im „Gänsebusch“ (98 a 72 m²), ehemalige Gärten am „Mühlgraben“ und die Schützenwiese und der Schützenplatz an der „Nordpromenade“

(5 a 56 m²). Es kam dabei zu oft langwierigen Verhandlungen mit der Kreis- und Stadtverwaltung und mit dem neuen Nachbarn an der Schießsportanlage in der „Badstraße“, den Behindertenwerkstätten, der seinen zunächst kleinen Standort zum Elsterdamm hin erweitern wollte.

Die ehemalige GST-Schießanlage mit seinem kleinen Containerhaus blieb bis 1998 erste Heimat der neu gegründeten Schützengilde. Sie war 1993 noch einmal einer notwendigen Sicherheitsüberprüfung durch den Dipl.-Ingenieur F. Luther (aus Doberlug-Kirchhain) unterzogen worden, da sie auch in unmittelbarer Nähe an Kleingärten und einem viel benutzten Verbindungsweg zum Elsterwehr und dem Elsterdammweg grenzte. Trotz aller Widrigkeiten gelang es der jungen Gilde immer besser ein reges Vereinsleben zu entwickeln und viele freundschaftliche Beziehungen zu anderen Orten und Schützengesellschaften zu knüpfen. Die Gilde gestaltete ihre eigenen Schützenfeste der Jahre 1992,1193,1994,1995,1996,1997 und 1998 jeweils am 3. Wochenende im Monat September und konnte dabei immer wieder befreundete Schützenabordnungen aus anderen Gemeinden des Elbe-Elster-Gebietes begrüßen. Die Herzberger Schützengilde revanchierte sich wiederholt und beteiligte sich mit Abordnungen an den Schützenfesten in Bad Liebenwerda, Uebigau, Kirchhain, Senftenberg, Kölsa, Torgau, Knippelsdorf, Falkenberg, Schöna-Kolpien, Rückersdorf, Belgern und Schönewalde. 2002 entstand auch eine 1. Verbindung zum Nachbarland Polen durch einen Besuch der Schützengilde in Kalisch.

Die Verbindung zur befreundeten Schützengesellschaft im hessischen Büdingen blieb bis in die Gegenwart bestehen. Ein Höhepunkt im gesellschaftlichen Leben der beiden Städte Herzberg und Büdingen war das sogenannte „Verschwisterungsfest“ am 7. und 8.10.1995, an dem auch eine Herzberger Schützenabordnung unter der Leitung der Schützenkameraden Rudolf Voigt, senior und Rudolf Voigt, junior, teilnahm.

Das vorläufige erste Schützendomizil, die ehemalige GST-Schießanlage an der „Badstraße“ erregte eines Tages die Aufmerksamkeit dunkler Gestalten aus der Gruppe der Langfinger. Am 7.7.1996 brach man den Container auf und durchsuchte ihn. Der Schaden hielt sich in Grenzen. Nach den Anfangsschwierigkeiten in den ersten Jahren entwickelte sich die „Herzberger Schützengesellschaft 1407 e.V.“ zu einem aktiven und lebensfrohen Verein in unserer Heimatstadt, der aufgeschlossen an Veranstaltungen, Präsentationen und Vorhaben mitwirkt. Der Veranstaltungsplan der Gilde im Ablauf eines Jahres wies viele Höhepunkte auf.

 

Es ist bereits eine Normalität, dass eine enge Verbindung zur Stadtverwaltung und zum Bürgermeister gehalten wird. Letzterer nimmt an den Veranstaltungen des Schützenfestes teil und empfängt den Schützenkönig mit seiner Schützenabordnung im Rathaus, um sich danach gemeinsam mit dem jeweiligen König und seiner Abordnung vor dem Rathaus dem Erinnerungsfoto zu stellen. Dabei führt auch eine Schützengruppe zu Ehren des Empfangs und des Schützenkönigs ein Salutschießen durch.

 

Erinnerungsfoto zum Schützenfest 2001 mit dem Bürgermeister, der Schützenabordnung, dem Schützenkönig, der Jägerfahne und „Andreas Bolde“ (Guido Pfeiffer).

 

Foto: A. Knuppe

 

 

 

Salutschießen einer Schützengruppe mit dem spanischen Karabiner FR 8 (Kaliber 308, Winchester) und der Kanone auf dem Marktplatz.

 

Foto: A. Knuppe

 

                                                                                             Wird fortgesetzt!        H. Knuppe

 

 

 

 

Die Wiedergeburt der Schützengilde (31)

 

Die beim Schützenfest 1998 erstmals präsentierte Kanone ist ein Nachbau aus dem Jahre 1534, für die extra eine neue Lafette angefertigt werden musste. Sie wurde von den Schützenbrüdern E. Kern, Gebrüder Gadegast, J. Enger, F. Wilknitz, R. Kunze, S. Stefani, W. Mehlhase, G. Kranke, W. Heinze und H. Ikert gestiftet. Ihre historische Inschrift lautet:

 

            L U C I F E R                 D V                  Luzifer (Teufel)

            H E L L I S C H E R        G E I S T           Höllischer Geist

            A N  U N S E R E N  F E I N T                  An unseren Feind

            D E I N  M A C H T  B E W E I S              Dein Macht beweis

            M D X X XV                                          1534

 

Die Kanone besitzt ein Kaliber 69 mm. Ihre zulässige Schussladung betrug 110 Gramm Schwarzpulver und ein Geschoss im Gewicht von 1300 Gramm. Bei den heutigen Salutschüssen der Herzberger Schützengilde wird auch Schwarzpulver und viel Mehl verwendet um den nötigen „Pulverdampf“ zu symbolisieren.

 

Herzberger Schützen beim Schützenfest 1998 vor der restaurierten Kanone von 1534.

 

 

Von links:

Die Herren Siegfried Stefani, Edwin Kern, Klaus-Dieter Gadegast, Heinz Ickert, Fred Wilknitz, Wolfgang Heinze und Jürgen Enger.

 

Knieend:

Herr Hans-Peter Gadegast

 

 

Repro.: Schützenarchiv Herzberg (Foto: „Wochenkurier“)

 

 

Die Herzberger Schüt-zengilde lässt es sich nicht nehmen bei besonderen kommuna-len Anlässen ihre Ver-bundenheit zur Heimat-stadt zu demonstrieren.

 

 

Aus dem Alltag der Schützengilde: Präsentation einer Schützenabordnung vor dem Feuerwehrgeräte-haus an der „Leipziger Straße“ mit Segnung des neuen Feuerwehr-gebäudes und der Schützengilde

(am 3.12.1994)

 

 

Foto: A. Knuppe

 

Die Gilde unterstützt die Schützenkönige, die im Ablauf des Jahres bestimmte Aufgaben und Pflichten zu erfüllen haben. Für hohe Ehrengäste und Besucher, für Ehrenmitglieder und für die Schützenkönige stehen bei Bedarf Ehrenkutschen zur Verfügung.

 

Aufmarsch der Schützengilde im Bereich der „Leipziger Straße“ mit der zweifarbigen Fahne der Jägerkompanie zum Empfang eines Ehrengastes.

 

Foto: A. Knuppe (1994)

 

Schützenmitglieder sind sehr gesellige Leute. Sie pflegen den Gemeinsinn, sind dem Frohsinn nicht abhold und genießen dabei auch vielfältige irdische Genüsse. Welten trennen sie von den schwierigen Problemen ihrer Vorgänger, die im frühen Mittelalter ihre Heimatstadt vor beutegierigen Raubrittern und durchziehenden mordlustigen Söldnern zu schützen hatten.

Schon ein einfacher Geburtstag eines Schützenkameraden kann zu einem Höhepunkt im Schützenvereinsleben führen. So manches Schützenmitglied erinnert sich des leckeren Spanferkelessens zum 40. Geburtstag des Schützenbruders Thomas Kreher oder des hervorragenden Pflaumenkuchens der „Guten Seele“ der Gilde, der Mutter und Oma Kunze aus der „Schliebener Straße“, die immer da ist, wenn sie irgendwie gebraucht wird. Ihre Heimatverbundenheit und ihr Heimatwissen hilft den Mitgliedern der Herzberger Schützengilde bei der Lösung örtlicher Fragen, Vorhaben und Probleme.

 

                                                                                             Wird fortgesetzt!        H. Knuppe

 

 

 

 

Das neue Schützenzentrum am „Weißen Berg“ (32)

 

Wenn sich in der Vergangenheit ein Herzberger Bürger für das Gelände nordöstlich von Kaxdorf interessierte, dann war es „Papa Voegler“, der bekannte Heimatforscher und Konrektor der Herzberger Volksschule. Er, der Spezialist für Vorgeschichte, liebte den Kaxdorfer „Weißen Berg“, der in den zwanziger und dreißiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts noch in Umrissen deutlich wahrzunehmen war. Der „Weiße Berg“ war das Ziel seiner eigenen vorgeschichtlichen Forschung und das Untersuchungsobjekt vieler Klassenwanderungen der Schüler aus der Herzberger Volksschule und Mittelschule. Konrektor Voegler (1876-1957) sammelte auch Sagen und Spukgeschichten aus dem Landkreis Schweinitz, darunter die Geschichte der Kaxdorfer Magd Marthe, die am „Weißen Berg“ heilkräftige Kräuter sammelte, um ihren Bauern vor dem Pesttod zu schützen.

Der „Weiße Berg“, einst eine Sandinsel im nacheinzeitlichen Elbe-Elster Urstromtal, wurde wie die Siedlung Kaxdorf von Wasserarmen umflossen. Hier lebten Menschengruppen der Mittelsteinzeit, die mit ihren Einbäumen hauptsächlich als Fischer, aber auch als Jäger und Sammler im nahen „Gänse- und Großbusch“ ihr Leben gestalteten. Unzählige Splitter aus nordischem Feuerstein, zu Schaber, Messer, Kratzer, Pfeil- und Speerspitzen, Axt, Hacke und Harpune verarbeitet, sammelten Konrektor Voegler und seine Schüler, bestimmten ihre Einordnung in geologische Zeittabellen und erklärten ihre Verwendung. Auch nach dem Schulunterricht wühlte mancher Schüler im weiß-gelblichen Sand weiter, um die eigene kleine Sammlung zu ergänzen.

Die jahrzehntelange spätere Ausbeutung des „Weißen Berges“ als Bausand und Streusand ließ die Sandinsel immer mehr schrumpfen. Sie erhielt in der DDR-Zeit ihren Todesstoß, als man die Ausbeutungsmulden jahrelang als Ablagerungsfläche für Müll aller Art nutzte.

Die neu gegründete Herzberger Schützengilde nutzte zunächst den ehemaligen GST-Schießstand (bis 2005). Da der Standort zwischen „Badstraße“ und Elsterwall/Elsterwehr zu eng und schmal war und eine Erweiterung nicht zuließ und die nahen Behindertenwerkstätten erweitert werden sollten, entschloss man sich einen neuen Standort für eine Schießanlage mit Schützenhaus und Schützenplatz zu suchen. Schließlich wurde eine ehemalige landwirtschaftliche Fläche nordöstlich vom „Weißen Berg“ erworben, die zuletzt dem „HWAZ“ (Herzberger Wasser- und Abwasserzweckverband) gehörte. Hier entstand auf wilder Wurzel in jahrelanger Arbeit, bei der viele Schützenmitglieder und Einwohner manche Stunde ihrer Freizeit opferten, nach und nach ein neues Schützengildezentrum. Damals führten noch schlecht befestigte Feldwege von Kaxdorf bzw. Grochwitz zum neuen Standort. Inzwischen sind diese Wege mit einer Asphaltdecke befestigt. Der Schießstand kann von der B 101 (Berlin-Dresden) über Kaxdorf nach 1500 m, vom Ortsteil Grochwitz über „Zwiebels Mühle“ nach einer Wegstrecke von etwa 1300 m erreicht werden.

 

 

Wegweiser zum Schützenzentrum am „Weißen Berg“. Standort: An der

Abzweigung des Weges von „Zwiebels Mühle“ und vom Ortsausgang Kaxdorf.

 

Foto: J. Knuppe (2006)

 

                                                                                             Wird fortgesetzt!        H. Knuppe

 

 

 

Das neue Schützenzentrum am „Weißen Berg“ (33)

 

Das neue Schützenzentrum befindet sich auf einem Geländestreifen von 45m Breite und 260m Länge. Es erstreckt sich von Südwesten nach Nordosten und endet unmittelbar am Elsterdamm. Seit 1998 sind hier ein längliches Vereinsgebäude (Flachbau), links vom Haupteingang und ein massiver Schießstand (rechts vom Eingang) errichtet worden. Die Grundsteinlegung für die Schießanlage fand am 20. Oktober 2001 gegen 11 Uhr statt. Unter Böllerschüssen einer Schützenabordnung wurde im Beisein des Bürgermeisters der Kreisstadt Herzberg, Michael Oecknigk und des Dezernenten beim Landratsamt des Elbe-Elster-Kreises, Kurt Herrmann, eine Hülse mit Zeitdokumenten im Grundsteinbereich versenkt. Den 1. Mauerstein der Anlage setzte das Ehrenmitglied der Herzberger Schützengilde, der damals 75-jährige Walter Fellenberg.

Der neue Schießstand verfügt über einen 25m Pistolenschießstand und einen 50m und einen 100m Großkaliberstand. Die Anlage besitzt einen überdachten Kugelfang, ihre Seitenwände bestehen aus Beton. Den Schützen stehen 8 Schießbahnen zur Verfügung, den Vorfläche durch eine Holzlaufbahn geteilt von Grasflächen eingeschlossen wird. Die Anlage bekommt in nächster Zeit noch ihre technische Ergänzung durch eine automatische Trefferanzeige.

 

 

Der Vorsitzende der Herzberger Schützengilde Herr Fred Wilknitz (Oberschützenmeister)

und der Bürgermeister der Kreisstadt Herzberg, Herr Michael Oecknigk, vor der

7. Schießbahn des Schützenzentrums am „Weißen Berg“.

 

Foto:                J. Knuppe

 

Der Schießstand ermöglicht das Schießen mit Kurzwaffen wie Pistolen und Revolver und mit historischen Vorderlandwaffen, die Bleigeschosse aller Kaliber mit Druckluft, Federdruck oder CO 2-Druck abfeuern. Die Herzberger Schützengilde stellt den Schießstand auch für fremde Vereine zur Verfügung. Dafür werden dann pro Schütze die üblichen Standgebühren erhoben.

 

 

Der Schießstand mit Vorfläche, Holzlaufbahn,

Trefferanzeige und Blickfang.

 

 

 

Der überdachte Kugelfang des Schießstandes.

 

Foto: J. Knuppe (2007)                                          Foto: J. Knuppe (2007)

 

Das vorläufige Vereinsgebäude (links vom Haupteingang) besitzt alle notwendigen Räume für eine ordentliche Versorgung und Durchführung von Veranstaltungen. Das Gebäude wird ölbeheizt, besitzt eine Küche, ein Büro, Abstellräume und einen großen Versammlungsraum, indem u.a. das historische Schützenbrauchtum gepflegt wird. Der Besucher findet hier Königsschießscheiben aus allen Zeitabschnitten der jüngsten deutschen Geschichte (Kaiserzeit, bis 1918, Weimarer Republik, bis 1933, Zeit des „Tausendjährigen Reiches“, bis 1945 und Nachwendezeit, ab 1990).

 

 

Ausstellung (1997) von Traditionsuniformen der alten Herzberger Schützengilde

(bis Kriegsende 1945):

Von links: Deutsche Kompanie, Grenadierkompanie, Jägerkompanie

 

Foto: Schützenarchiv Herzberg

 

 

 

Königsschießen von Otto Franz (30. Juli 1939)

 

Foto: J. Knuppe

 

Im Schützenzentrum „Weißer Berg“ spielt sich ein Teil des internen und öffentlichen „Schützenlebens“ im Ablauf eines Jahres ab. Jeden Sonntag besteht die Möglichkeit beim Frühschoppen den Gedankenaustausch zu pflegen oder an Arbeitseinsätzen oder am Schießen teilzunehmen. Höhepunkte sind u.a. das Neujahrsschießen im Januar, das Jahresabschlussschiessen im Dezember und die gemeinsame Weihnachtsfeier mit Angehörigen.

 

 

Blick auf das Vereinsgebäude des Schützenvereins (links vom Haupteingang)

Foto: J. Knuppe (2007)

 

Das alljährliche Schützenfest ist in seiner Gesamtheit geteilt. Um die Bevölkerung, Besucher und Gäste einzubeziehen, wird der festliche Teil des Schützenfestes mitten in der Altstadt vor dem Rathaus auf dem Marktplatz begangen, während der schießsportliche Teil in der Schießanlage am „Weißen Berg“ abläuft.

 

 

Der massive Schießstand der Schützengilde (rechts vom Haupteingang)

 

 

Foto: J. Knuppe (2007)

 

                                                                                             Wird fortgesetzt!        H. Knuppe

 

 

 

 

Das neue Schützenzentrum am „Weißen Berg“ (34)

 

Seit dem 1. Schützenfest nach der Wende und Wiedervereinigung sind folgende Schützenkameraden der Herzberger Gilde Schützenkönig geworden:

 

1991                 Roland Matz                                          1999                 Walter Fellenberg

1992                 Wolfgang Heinze                                   2000                 Rene Kunze

1993                 Lothar Bauer                                        2001                 Jürgen Knuppe

1994                 Klaus-Dieter Gadegast                           2002                 Dirk Gadau

1995                 Siegfried Stefani                                   2003                 Uwe Knittel

1996                 Manfred Fellenberg                                2004                 Jürgen Enger

1997                 Dietmar Winkel                                     2005                 Manfred Fellenberg

1998                 Wolfgang Heinze                                   2006                 Fred Wilknitz

 

Für ihre Verdienste um die Entwicklung der Herzberger Schützengilde wurden die Schützenkameraden Walter Fellenberg, Rudolf Voigt und der Heimatforscher Kurt Hartwich zu Ehrenmitgliedern ernannt.

 

Zur „Herzberger Schützengilde 1407 e.V.“ gehören folgende Schützenkameraden

(Stand vom 07.12.2006):

 

Lothar Bauer                                                    Rene Kunze

Jürgen Berge                                                    Rüdiger Maaß

Peter Bettke                                                     Heidrun Maiwald

Hans-Michael Birnbaum                                     Roland Matz (Schießsportwart)

Rüdiger Burkhard                                             Wolfgang Mehlhase

Bernd Dahms                                                   Rigo Müller

Dirk Ebenroth                                                   Kerstin Münch

Jürgen Enger (verantw. Jugendarbeit)                 Guido Pfeiffer

Manfred Fellenberg (1. Stellv. Vors.)                   Alois Purma

Walter Fellenberg                                              Erland Rahe

Bärbel Freitag                                                   Maik Reimann

Hubert Freitag                                                  Maik Renger

Dirk Gadau (Fahnenträger)                                Sören Ritter

H.-Peter Gadegast (Zeugwart)                           Uwe Schädel

K.-Dieter Gadegast                                           Joachim Sehmisch

Birgit Große                                                     Siegfried Stefani

Erhard Grüner                                                  Hans-Georg Strobl

Volker Heintze                                                  Marko Suske

Reinhard Heinz                                                 Viola Werner (Schriftführer)

Wolfgang Heinze                                               Fred Wilknitz (Oberschützenm., Vorsitzender)

Torsten Helemann                                             Frank Zinnow

Heinz Ikert                                                       Dieter Zwiebel

Michael Kindel                                                  Heiko Zwiebel

Jürgen Knuppe

Klaus Kralisch

Günter Kranke

Thomas Kreher (2. Stellv. Vors.)

Hans-Heinrich Krug (Schatzmeister)

Die Zähigkeit und der ungebrochene Wille mit dem die Herzberger Schützengilde seit der Wende und der deutschen Wiedervereinigung den Aufbau ihres neuen Schützenzentrum am „Weißen Berg“ vorangetrieben hat, verdient Anerkennung und Würdigung. Sie lassen die 44 Jahre lange „Schützenfreie Zeit“ (Sowjetische Besatzungszone und DDR-Zeit) vergessen. Beides, Zähigkeit und Wille, entspringt dem Wissen um die Bedeutung der Kraft, die heimatverbundenen Bürger bei der Gestaltung von Vorhaben im eigenen Lebensraum entwickeln können. Mögen die nach uns kommenden Generationen der Herzberger „Bürgerschützen“ in der Neuzeit weiterhin die Lehren aus der deutschen Geschichte beherzigen und dazu beitragen, dass in Toleranz, in Demokratie und in Heimatliebe die freiheitlichen Traditionen der ältesten Herzberger Schützengesellschaften bis zum nächsten, dem 700-jährigen Jubiläum der Gilde, im Jahre 2107, im Frieden erhalten bleiben! ++++++ Ende

Quelle: H. Knuppe

 

 


 

zurück